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Schluss mit dem Schmusetiger-Image! – Über unterschiedliche Kuscheltypen bei Katzen

Nicht jede Katze mag gestreichelt werden!

Nicht jede Katze mag gestreichelt werden!

10. Juli 2020
Lesezeit ca.: 6 Min., 12 Sek.  
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5 Kommentare

Bei vielen Dingen im Leben möchten manche Menschen genau das Gegenteil von dem, was sie momentan haben. Denn das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner. Das übertragen viele Menschen auch auf ihre Haustiere: die Katze soll verkuschelter sein oder auch weniger verkuschelt. Eben gerade so, wie es dem Menschen in den Kram passt. Dies zeugt jedoch nur von einer falscher Herangehensweise an die Tierhaltung. Und missachtet Bedürfnisse und Charakter eines Familienmitglieds. Ich finde das höchst fatal.

Kuschelkatze oder nicht: viele Faktoren beeinflussen das Nähebedürfnis deiner Katze

Wie auch wir Menschen ist die Katze ein eigenständiges Lebewesen mit Bedürfnissen und Charaktereigenschaften. Sie hat Vorlieben, Macken und Abneigungen. Ob und wie sie kuscheln mag, hängt von vielen Faktoren ab ‐ einige davon können wir nicht beeinflussen.

  • Jahreszeit, Wetterbedingungen
  • Rassezugehörigkeit
  • Erfahrungen mit Menschen in der Vergangenheit
  • Unser Umgang mit der Katze
  • Gesundheitszustand, Charakter und Stimmung ‐ bei der Katze aber auch bei uns

Natürlich können wir uns bei Bedarf eine Katze aussuchen, deren Rasse eine gewisse Tendenz zur Anhänglichkeit hat. So ist ein gewisser Grundstein gelegt, damit die Katze intensives Kuscheln in der Zukunft mögen könnte. Doch das ist keine Garantie. Denn Lebewesen sind keine Roboter, die wie programmiert funktionieren.

So kann ein Tier einer menschenbezogenen Rasse zukünftig keine Lust auf Streicheleinheiten haben oder eine ehemalige Streunerkatze zur Pattexkatze mutieren, die am liebsten in uns reinkrauchen möchte.

Alle Bedürfnisse respektieren: auch das Nähebedürfnis!

Auch die Erfahrungen, die unsere Katze in der Vergangenheit mit Menschen machen musste, tragen entscheidend dazu bei, wie aufgeschlossen sie uns gegenüber ist. Was noch lange nicht heißt, dass sie dann auch extrem verkuschelt wird.

Schlechte Erfahrungen prägen das Tier teilweise sein ganzes Leben lang. Ob die einzelne Katze dadurch allen Menschen den "Geh mal lieber weg"-Stempel aufdrückt, hängt auch von ihrem Charakter ab. Aber auch unser Verhalten trägt entscheidend dazu bei.

Denn egal, was unsere Katze vor uns durchmachen musste: die Bedürfnisse nach Ruhe, Rückzug und Abgrenzung sollten immer respektiert werden. Das kann auch bedeuten, das Tier monate- oder gar jahrelang nicht anzufassen. Oder eben zu respektieren, dass Danebenliegen der Katze dauerhaft ausreicht und ein Anfassen nicht erwünscht ist. "Streicheln mit den Augen" sozusagen. Und nicht wenige Katzen mögen genau das: da sein, aber nicht zu nah sein.

Wir als Halter sollten nicht meinen, dass körperliche Nähe und Streicheleinheiten immer gewollt, immer etwas Gutes sind. Sie sind es nur dann, wenn die Katze es will. Nicht dann, wenn wir wollen, dass die Katze es will.

Die Katze ist wie sie ist, du kannst (und solltest) sie nicht verbiegen

Und genau so darf sie auch sein. Und genau so ist sie auch "richtig". Schließlich geht es hier nicht darum, nur unsere Wünsche durchzudrücken, sondern mit dem Tier zusammen zu leben. Das bedeutet nunmal auch Abstriche für uns. Wir sollten nicht erwarten, dass die Katze nach alle dem was wir vielleicht für sie tun, aus Dankbarkeit etwas zurückgibt. So funktioniert das nicht. Übrigens auch nicht in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Es geht nicht darum, dass das gegenüber Katze etwas erdulden muss, das ihm eigentlich zuwider ist. Sondern, dass wir uns aufeinander einstellen und Kompromisse finden, die für beide Seiten angenehm sind. Nur so kann Zusammenleben auf Dauer für beide bereichernd und angenehm sein.

Distanzverhalten ist für viele Katzen das letzte Stück Eigenständigkeit

Dem Tier etwas aufzunötigen, nur weil uns als Haltern danach ist, ist die denkbar schlechteste Lösung. Das gilt nicht nur fürs Kuscheln, auch für das auf-dem-Arm-tragen oder die strikte Wohnungshaltung eines Freigeistes. Leider gibt es unzählige Situationen, in denen Tiere dem Egoismus des Halters ausgeliefert sind.

Wir bestimmen, dass die Katzentoilette lieber geschlossen ist und in der Ecke steht, weil sie dort am wenigsten stört. Wir bestimmen, dass auch der Kratzbaum möglichst fancy aussehen muss oder eben auch in die hinterste Ecke gerückt wirkt, weil er den Einrichtungsstil torpediert. Auch die Größe, Anzahl und den Zeitpunkt der Mahlzeiten bestimmen wir. Die wenigsten Halter richten sich danach, wie die natürlichen Verhaltensweisen der Katze aussehen und finden dann Kompromisse.

In der Regel wird aus menschlicher Sicht bestimmt und auch nicht optimiert, wenn sich Schwierigkeiten zeigen. Die Katze soll und muss sich eben anpassen. Und das tut sie in der Regel auch bei äußerst ungünstigen Rahmenbedingungen jahrelang. Warum also auch noch das letzte Stück Selbstbestimmtheit wegrationieren, indem man zum Kuscheln "trainiert"?

Tendenzen im Nähebedürfnis sind keine bloße Option

Sicherlich gibt es Möglichkeiten, einer Katze die Nähe zum Menschen angenehmer zu machen. Und so manches junges Streunerkitten wird im Tierschutz aus gutem Grund sanft zum Anfassen-lassen genötigt. Aber: die Katze behält eine gewisse Tendenz, in der sie menschliche Nähe duldet. An dieser Tendenz kann man nichts ändern. Und sollte es auch nicht.

Ja, es kann enttäuschend sein, wenn die Katze keine Nähe duldet oder sich Streicheleinheiten entzieht. Dass sie lieber einen halben Meter entfernt sitzt statt direkt auf dem Schoß.

Akzeptanz von Bedürfnissen ist eine grundlegende Lektion

Aber wir alle sollten erwachsen genug sein, um zu respektieren, dass es nunmal nicht immer nach unserer Nase geht. Wir können Vertrauen massiv zerstören, wenn wir zu viel wollen und verlangen ‐ schlimmer noch: gegen den Willen der Katze "zwangskuscheln". Da hilft auch kein Trainieren, kein Bestechen mit Leckerchen, kein aus-dem-Versteck-hervorzerren. Das würden wir für uns auch niemals wollen.

Eine Katze ist auch dann gut und richtig, wenn sie uns nicht ständig schnurrend quer über den Beinen liegt. Sie kann ihre Zuneigung schließlich auch auf hundert andere Arten zeigen. Wir müssen nur lernen, das auch zu sehen. Und vor allem lernen, dass das genug ist. Wobei Letzteres wahrscheinlich am schwersten ist, aber es ist ungemein lehrreich und bereichernd!

Jede Katze kuschelt anders: unterschiedliche Kuscheltypen gehören zum Naturell der Katze

Leider lassen sich viele Halter vom Kuschelverhalten ihrer Katzen verunsichern. Sie erwarten, dass alle Katzen Schmusetiger sind und fragen sich, warum ihre Katze nicht so ist. "Hab ich etwas falsch gemacht? Fühlt sich meine Katze nicht wohl bei mir? Ist meine Katze nicht normal?". Solche Fragen können auftauchen, wenn man ständig mit Bildern konfrontiert wird, in denen Katzen regelrecht an ihren Haltern ‐ und anderen Katzen ‐ kleben.

Die Wahrheit aber ist: Nur sehr wenige Katzen wollen extreme Nähe zu ihrem Halter und zu Mitkatzen. Der weitaus größere Teil an Katzen ist damit zufrieden, abends eine halbe Stunde auf oder neben dem Halter zu sitzen und gestreichelt zu werden. Vielleicht zwischendrin noch ein paar Minuten Aufmerksamkeit und das wars auch schon. Es gibt auch Exemplare, die schlicht gar nicht angefasst werden möchten ‐ und sich trotzdem rundum geliebt fühlen. Auch das ist ‐ ebenso wie alles dazwischen ‐ normal!

Auch bei meinen Katzen durfte ich über die Jahre all diese unterschiedlichen Abstufungen im Nähebedürfnis kennenlernen. Von extremer Pattexkatze Janis bis zu Bitte-nicht-anfassen-Lucy war alles dabei. Sie alle brauchten etwas anderes, um glücklich zu sein. Und sie alle haben dabei bestimmt, was genau es ist, was sie glücklich macht. Wer bin ich, dass ich das anders bestimmen wollte?

zuletzt überarbeitet: 10.Juli. 2020
Aufrufe insgesamt: 11420


Über Miriam

Miriam hält Katze Janis auf dem Arm

Mein Name ist Miriam. Vor 19 Jahren zog die erste Katze bei mir ein. Dabei habe ich viele Anfängerfehler gemacht und aus ihnen gelernt. Also beschloss ich, mich durch Fachlektüre und -vorträge weiterzubilden. Das Ergebnis davon kannst du unter Anderem hier im Blog nachlesen.


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5 Antworten zu “Schluss mit dem Schmusetiger-Image! – Über unterschiedliche Kuscheltypen bei Katzen”

  1. Ursel sagt:

    Liebe Miriam,

    danke für diesen nachdenkenswerten Artikel, du hast bei mir wieder voll ins Schwarze getroffen! Genauso sehe ich das mit den verschiedenen Charakteren und Persönlichkeiten. Allerdings kann ich mich nicht davon frei machen, dass mir mein Kuschelkater Zausel sehr fehlt und ich am liebsten wieder so ein Fellmonster hätte. Aber wegen Bienchen, du weißt schon…

    Ich dachte, du machst Sommerpause und es gibt erst mal eine Zeit lang nichts zu lesen? :-)

    Herzlichst Ursel

  2. Nicole sagt:

    Sehr interessanter Artikel wieder. Hab hier auch 2 komplette Gegensätze. Die eine bekommst du kaum runter vom Schoß oder wo auch immer sie es gerade bequem findet auf dir 😅 die andere sitzt genau wie oben beschrieben mit halben Meter Abstand. Ich muss dann immer abschätzen darf ich etwas näher rücken oder fühlt sie sich dann schon Bedrengt. ganz selten liegt sie so das sich unsere Körper berühren. Das ist dann immer mein Highlight 😻 hab mich auch schon öfter gefragt. Weiß sie eigentlich wie sehr ich sie liebe? Und wenn ich anderen von ihr erzähle schauen sie ganz komisch weil sie halt komplett atypisch ist wie man sich eine Katze vorstellt. Sehr stur und eigenwillig und das sagt und zeigt sie auch mehr als eindeutig wenn ihr was nicht passt. Wir haben schon sehr viel gemeinsam durchgemacht. Ich liebe sie über alles und sie ist meine Seelenkatze. Auch wenn ich nur ganz selten kuscheln darf 😺😺

    • MIRIAM sagt:

      Ich denke, sie weiß sehr genau, dass du sie liebst, Nicole. Für ihre Welt ist wenig Körperkontakt genau das, was glücklich macht. Dass manch eine Katze mehr will, mehr braucht, weiß sie nicht. Interessiert sie auch wahrscheinlich eher nicht ;) Für sie ist das so genau so, wie sie es haben will. Du respektierst das, ist doch alles paletti ;)

      Aber ja, ich kenne den Gedankengang auch: Lara liegt viel lieber und öfter daneben als auf mir. Damit ist sie vollkommen glücklich. Aber ich wünsche mir innerlich auch oft mehr… ;)

  3. Anonymous sagt:

    Super Artikel!!!
    Meine jetztige Dame namens Dusty will immer dabei sein und legt sich dabei oft auch quer auf meine Tastatur ;-), 5 Minuten mal streicheln genügt dann aber für die nächsten Stunden (sonst wird sie unwirsch) nur die Nähe ist wichtig.
    Witzig ist aber und das legt sie einfach nicht ab, manchmal fühlt sie sich provoziert vom Tippen (das sieht man ihr dann auch an) und dann kann es passieren das sie mir auf die Finger haut oder auch kurz zwickt…;-), so ist sie eben unsere Diva.
    Leider ist es bei ihr so, das sie meist keine Anzeichen zeigt, grade war´s schmusen noch toll und sie konnte nicht genug bekommen und wirklich im Bruchteil einer Sekunde wird sie grantig und sie deutet es wirklich nicht an.
    Ansonsten ist sie wie Pattex und verfolgt einen überall hin und erzählt ganze Romane ;-), wir lieben sie trotzdem genau wie sie eben ist, erwarten kann man von einer Katze nix´, sich bestenfalls freudig überraschen lassen. Süß ist auch, wenn sie schlecht geträumt hat und aufwacht, ruft sie uns und will getröstet werden, dann beruhigt sie sich wieder (kommt 1 bis zweimal im Monart vor).Sie ist auch sehr sensibel, man muss nur nein sagen wenn sie die anderen ärgern wollte und sogleich hat sie es gelassen, sie versteht sehr schnell was man will.
    Mein Mikesch damals war eher wie ein Hund ;-), immer überall´dabei, immer am schmusen und lernte Dinge extrem schnell aus eigenem Antrieb (er konnte Türen öffnen und tat dies auch einfach so auf Kommando ohne das wir das trainiert hätten, ich musste nur drauf´zeigen, das war auch mal sehr nützlich bei einer zugefallenen Wohnungstür, ich rief ihn und er maunzte hinter der Tür nach mir und öffnete mir diese auch als ich einfach nicht reinkam, daraufhin verschloss ich die Tür zukünftig lieber) und er hatte nur Schabernack im Kopf ;-).
    Ich selbst finde kuscheln zwar auch gut, aber ich wollte auch nicht ständig jemand am Rockzipfel haben = also Menschen, das muss schon zur Stimmung passen, warum sollte es bei Katzen anders sein (nur mit anhänglichen Tieren bin ich nachsichtiger ;-).
    Sehr guter Bericht, ich finde es wichtig das man seine Tiere so annimmt wie sie sind !

    LG, Angi

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