16.März 2018 18:31 Uhr Meinung & Tipps 5

Derzeit in aller Munde: Brachycephalie bei Haustieren

Lesezeit ca.: 6 Min., 52 Sek.

Seit wenigen Wochen werden verstärkt Diskussionen zum Thema "Kurzköpfigkeit bei Haustieren" in den sozialen Medien geführt. Ich lese diese mit großem Interesse, habe mich aber bisher nie beteiligt. Denn: Einerseits finde ich durchaus, dass es ein wichtiges Thema ist, andererseits – ja, halte ich selbst seit 13 Jahren kurzköpfige Tiere. "Darf" ich da was sagen, ohne unglaubwürdig zu klingen? Trotzdem mache ich mir natürlich Gedanken – wie zu jedem anderen Thema rund um die Katze auch. Und ich möchte durchaus zur Auseinandersetzung mit diesem Thema aufrufen. Meine Gedanken dazu möchte ich einfach mal niederschreiben. Denn ich denke, gerade weil ich kurznasige Tiere halte, muss auch ich etwas zu diesem Thema sagen.

Warum wird überhaupt diskutiert?

In der Natur kommen verschiedene Ausprägungen der Anatomie eines Lebewesens ganz ohne Zutun des Menschen vor. Nicht selten sind dies aber Einzelfälle oder evolutionär bedingte Anpassungen an einen bestimmten, begrenzten Lebensraum. Man denke da nur an besonders große oder kleine "Zweige" bestimmter Spezies auf abgeschiedenen Inseln, die es anderswo auf der Welt nicht gibt. Hier hat sich die Natur etwas dabei "gedacht" und in generationenlanger, schrittweiser Veränderung dafür gesorgt, dass diese bestimmten Lebewesen besser in ihrer speziellen Umgebung zurecht kommen: unentdeckter jagen, sich besser tarnen, effizienter Nahrung aufnehmen oder sich fortpflanzen können. Es bringt also wichtige Vorteile fürs Überleben mit sich. Ohne diese Anpassungen würde die gesamte Spezies in so manch spezieller Umgebung nicht überleben.

Schauen wir darauf, wie der Mensch sich Tiere "zurechtgezüchtet" hat, sehen wir leider oft, dass dies nicht immer Vorteile und manchmal sogar extreme Nachteile für eine bestimmte Spezies/Rasse mit sich gebracht hat. Und nicht selten geht es bei diesen züchterischen Veränderungen rein um die Optik des Tieres. Im Grunde genommen wird so oft etwas verändert/verschlechtert, was eigentlich bereits "gut" und "durchdacht" war – nur, damit der Mensch es ansehnlicher findet. Schwierige Kiste…

In den Fällen, in denen sich für die Tiere nichts verschlechtert, kann man meiner Meinung nach durchaus gnädiger darüber urteilen. In Fällen aber, wo diese "züchterische" Auslese zu massiven gesundheitlichen Beeinträchtigungen beim Tier führt, hört der Spaß am Zuschauen auf. Und auch die Tierliebe. Das kann selbst ich als Liebhaberin pelziger Stubsnasen überzeugt sagen. Da aber der menschlichen – ja, man kann es so sagen – Perversität scheinbar keine Grenzen gesetzt sind, werden trotz bekannter gesundheitlicher Probleme weiterhin stur Linien gezogen, die eine eingeschränkte Lebensqualität und oft auch verkürzte Lebensdauer haben. Hier scheint es weder verbindliche rechtliche Vorgaben, noch moralische Grenzen zu geben. Es geht also munter so weiter, wenn nicht ein flächendeckendes Umdenken stattfindet. Wahrscheinlich werden aber erst tierschutzrechtliche Regulierungen und Überwachung, sowie empfindliche Strafen hier etwas ändern können.

Emotionen machen die Diskussion schwer

Wir alle lieben unsere Tiere – egal, ob besonders langbeinig, kurznasig, klein oder mit besonders viel Fell. Da möchte manch Einer nichts Negatives hören. Viele Tierliebhaber und Züchter legen dann einfach Scheuklappen auf die Augen und Stöpsel in die Ohren. Dabei sind gerade sie es, die an dieser Problematik etwas Entscheidendes ändern könnten. Schwierige Kiste… Die Sicht Außenstehender wird oft mit den Worten "Du weißt ja gar nicht, wovon du sprichst" oder "Bei uns ist das aber nicht so" abgebügelt. Ob Letzteres dann einfach reines Glück, gezielte Zucht zur Teilverbesserung der Rasse oder schlicht Unwahrheit ist, hängt wohl vom Einzelfall ab.

Ich kenne sowohl Halter/Züchter kurzköpfiger Tiere, die ganz bewusst auf Verbesserungen hinarbeiten – als auch welche, die öffentlich gern verkünden, dass alles in Ordnung ist, aber tatsächlich im stillen Kämmerlein mit massiven Problemen zu kämpfen haben. Und genau da liegt meiner Meinung nach das Problem: man kann einer bestimmten Optik verfallen sein, darf aber niemals aus den Augen verlieren, dass sie ein teilweise erhöhtes Risiko für gesundheitliche Probleme mit sich bringen kann. Dass man bewusst versucht, etwas daran zu ändern ist überaus lobenswert. Das Eingeständnis, dass eben manchmal doch Probleme da sind, braucht nicht nur immens "Arsch in der Hose", sondern bringt auch verdammt viel, um diese Problematik in Zukunft zu vermeiden. Nur, wer hinschaut und offen ist, kann dem Tierwohl zuarbeiten. Und wenn es nicht das eigene Tier, sondern "nur" zukünftige Generationen betrifft. Nur so können wir alle zusammen auf eine Lösung hinarbeiten, die die Lebensqualität der Tiere verbessert. Und sie ist dringend nötig!

Meine Berührungspunkte mit dem Thema

Wie bereits oben angesprochen, halte ich seit 13 Jahren kurzköpfige Tiere. Anfangs noch völlig naiv und unbedarft angeschafft, war meine Lernkurve gezwungenermaßen steil. Seit Jahren kommen mir nur noch Tiere ins Haus, bei denen ich weitaus mehr beachte als eine hübsche Optik. Ich habe meine Prioritäten immens verändert. Das dürfte bekannt sein ;) Und dennoch stehe ich einfach auf kurznasige Tiere – liebevoll "Arschatmer" genannt, weil sie ja angeblich "keine Nase" haben.

Und zwar nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern vor allem wegen ihres Charakters. Für mich persönlich wäre es unerheblich, ob es zukünftig nur noch erlaubt wäre, Tiere mit mehr Nase zu züchten oder eine Mindestlänge oder-was-auch-immer eingehalten werden müsste. Herzig, anhänglich, menschenbezogen und einfach nur liebenswert wären sie auch dann immer noch. Aus diesem Grund habe ich mich bewusst für Tiere aus Linien entschieden, die ein klein wenig mehr Nase und keine bekannten Probleme haben. Wäre für mich kein Züchter erreichbar gewesen, der darauf extremen Wert legt, wäre die "Perserära" für mich beendet gewesen. "Entweder bewusst verbessert oder gar nicht" – anders soll es bei mir nicht mehr laufen.

Auch, wenn tatsächlich keiner meiner Arschatmer gesundheitliche Probleme zeigt, weiß ich nur zu deutlich, dass andere kurznasige Exemplare extrem darunter leiden: Zahnfehlstellungen, Kieferanomalien, chronische Augenentzündungen, eingeschränkte Atmung, ständige Fellprobleme sind nur einige Beispiele. Auch unter Hunden sind mir viele Beispiele unter die Augen gekommen. Da hört man das Tier schon 50m weiter, weil es so laut schnauft und atmet, aber laut Halter wären ja keine Probleme vorhanden: alles in bester Ordnung. Das betrifft immer nur die ominösen "Anderen". Traurig. Da gibt es nichts schön zu reden.

Und ich? Ich sitze so manches Mal neben meinen Pelzdamen und beobachte genau, denke genau darüber nach, ob ich Scheuklappen trage. Oder ob ich einfach nur Glück hatte bisher und "der dicke Hammer" noch kommt. Aber das – das muss ich zugeben – denke ich bei allen meinen Tieren, nicht nur den Knautschgesichtern. Ich bin mir also der extremen Problematik ebenso bewusst wie der Tatsache, dass es bereits länger Bestrebungen zur Verbesserung gibt oder nicht alle Tiere Probleme zeigen. "Augen zu" war noch nie meine Einstellung.

Aus diesem Grund bin ich Perserhalterin aus vollem Herzen aber dennoch mit voller Überzeugung gegen zu extreme Ausprägungen. Und voll für verstärkte Verbesserungen und ein deutliches Umdenken. Und ja, auch für strengere tierschutzrechtliche Regelungen, Vorgaben und hartes Durchgreifen gegen all diejenigen, die das Tierwohl unter egoistischen Bestrebungen begraben. Ich fürchte und bin gleichzeitig überzeugt davon, dass es ohne Druck von Außen nicht geht. Ich glaube nicht, dass man bei diesem Thema in entweder-oder Schienen denken muss. Ich denke sogar, man darf es nicht. Wenn ich eine Rasse/Ausprägung liebe, darf ich nicht dagegen sein, wenn etwas zu ihrem Wohl getan werden soll. Dann muss ich auch dafür bereit sein, über Probleme offen zu sprechen und mit mir selbst hart ins Gericht gehen.

Was ich mir wünsche

Mein Wunsch ist ein ehrlicher offener Austausch zwischen betroffenen Haltern, Züchtern und auch offiziellen Stellen. Strengere Reglungen, Augen-auf-machen und Zusammenarbeit. Kein Verschweigen von Problemen, keine pauschale Verurteilung mehr. Wenn wir mal in Utopia leben, gebt mir bescheid ;)

zum Weiterlesen

Flyer Brachycephalie – Bundestierärztekammer (.pdf-Download)
vetsagainstbrachycephalism.com
Qualzucht bei Heimtieren – deutscher Tierschutzbund

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Miriam Knischewski

Über Miriam


Miriam ist 35 Jahre alt und lebt seit 17 Jahren mit Katzen zusammen. Vor neun Jahren begann sie, ihr Wissen über artgerechte Katzenhaltung durch die Recherche in verschiedenster Fach-Lektüre zu erweitern. Mit jeder Menge Neugier und (Galgen-)Humor teilt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen Interessierten. Nebenbei hat sie bereits ein Buch veröffentlicht, gibt Seminare zur Rohfütterung und hält Vorträge über verschiedene Aspekte der artgerechten Katzenhaltung. Himbeeren und Sushi machen ihr das Leben mit ihren drei pelzigen Sklaventreiberinnen erträglicher.

Vielen Dank für das Ausdrucken dieser Seite. Weiterführende Infos zum Thema, aber auch viele andere interessante und wichtige Themen findest du auf www.Katzen-fieber.de. Bitte beachte, dass auch die Bilder, Texte und Grafiken dieser Druckversion dem Urheberrecht unterliegen. Jegliche Weiterveröffentlichung ist untersagt. Das Zitieren der Texte ist nur mit Erlaubnis und Link zur Quelle erlaubt.

bisher wurden 5 Kommentare zum Artikel geschrieben:

  1. Liebe Miriam,

    ich begrüsse es, wenn jemand als “Betroffene” versucht objektiv ein solches Thema anzusprechen!

    Ein paar Mal durfte ich Perser versorgen, die wegen der Ausprägung der kurzen Nase und Unterbiss kaum fressen konnten. Ich fand es einfach schlimm.

    Ich bin dafür, dass man Zucht, die schon als Qualzucht bezeichnet werden kann, reguliert / einschränkt. Wobei es bei Persern sicher noch weniger kritisch gesehen wird als bei den Scottish Fold – da geht der menschliche Egoismus einfach zu weit!

    Daumen hoch dafür, dass du auch das Thema anspricht!

    Liebe Grüße,

    Claudia

    • Huhu Claudia!
      Ich kenne leider auch einige Perserchen, die enorme Probleme mit dem Fressen haben und kann nachvollziehen, wie dieser Anblick auf dich gewirkt haben muss. Ich bin der Meinung nicht nur das Atmen, sondern auch das unbeschwerte Fressen ist ein wichtiger, grundlegender Teil der Lebensqualität. Wenns da schon mangelt … :( Ich sehe ja hier tagtäglich, wie viel Spaß fressen machen und wie viel das als Highlight wiegen kann, da mag ich gar nicht dran denken, wie es ist, wenn ein Tier das nie erleben darf :(

      • Miriam, genau, wenn ein Tier schon kaum selber fressen kann, dann kann es doch für das Tier nicht schön sein.

        Leider machen sich viele da einfach keine Gedanken. Ich hoffe, die aktuelle Diskussion setzt ein Umdenken in Gang.

        LG Claudia

      • Das hoffe ich auch sehr, denn obs "schön für das Tier" ist, ist leider allzu oft Nebensache :(

  2. Liebe Miriam, du hast in schöne Worte geschrieben was ich schon lange denke! Ich habe zwei feste Sätze: wenn der Mensch Gott spielt, kommt nie gut raus – alles ist abgestimmt so zu sein wie es ist und wenn man nur eine winzige Änderung macht, passt nichts mehr zusammen – und: wo Geld wichtiger ist als alles anders herrschen keine Liebe und/oder Respekt! Man geht über Leichen!
    Ich wünschte mir ich könnte so schön wie Du schreiben!
    Danke dass Du diensen heikle Thema gesprochen hast.

Schreib mir, was du darüber denkst







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