Rohfütterung: Krankheitskeime, Nährstoffmängel und Parasiten – Wie gefährlich ist Rohfüttern wirklich?

Rund um die Rohfütterung der Katze gibt es unglaublich viele Informationen. Besonders schwierig ist es, dass sich viele davon widersprechen. Denn im Bezug auf Risiken und Nachteile der Rohfütterung gibt es regelrecht zwei Fronten: diejenigen, die alles in den Himmel loben und Nachteile nicht sehen wollen. Und diejenigen, für die Rohfütterung schlicht des Teufels ist. Dabei liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte – oder steht irgendwo in den Sternen. Ich möchte mich einmal ganz ohne Schönfärberei oder Schwarzmalerei mit dem Thema befassen.

Die entscheidende Frage: Wann ist ein Nährstoffmangel ein Nährstoffmangel?

Der wichtigste Punkt in der Katzenernährung ist es, ausreichend viele Nährstoffe zu liefern. Denn nur so bleibt die Katze dauerhaft gesund. Aber bei genau diesem Punkt gibt es sehr große Ungenauigkeiten. Denn um Ausgewogenheit beurteilen zu können, werden fast immer Rationszusammenstellungen beurteilt: theoretische Nährstoffempfehlungen und durchschnittliche Nährwertgehalte von Lebensmitteln bilden dabei die Grundlage.

Diese Beurteilung weist extrem viele Schwachstellen auf. Allein daraus lässt sich streng genommen keine Aussage darüber treffen, ob eine individuelle Katze ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird. Leider ist das aber oft die einzige Möglichkeit, sich dieser Frage überhaupt anzunähern.

Denn Blutbilder (sogenannte "Barf-Profile") eignen sich noch weniger dazu, die Abdeckung mit Nährstoffen zu prüfen. Auch eine Labor-Analyse von Futterrationen würde nur unzureichende Rückschlüsse zulassen.

Gemischte Rohfleischmahlzeiten bestehend aus Fleisch, Innereien, gewolften Knochen, Fisch und Blut
Zu einer ausgewogenen Rohfleischmahlzeit gehört mehr als nur reines Fleisch

Untersuchungen an Futterrationen zeigen gute Bedarfsdeckung

Gehen wir mangels vernünftiger Alternativen davon aus, dass der Vergleich mit Nährstoffempfehlungen und Durchschnittswerten uns zumindest eine grobe Tendenz aufzeigt, können wir nach Untersuchungen schauen, die genau diesen Vergleich nachvollziehbar durchrechnen. Und zwar bezogen auf die Katze und den deutschsprachigen Raum. Denn Veröffentlichungen aus anderen Ländern – beispielsweise den USA – oder für Hunde sind aus vielerlei Gründen hier nur schwer übertragbar.

Bei der Suche danach fällt auf: Es gibt so gut wie keine seriösen Veröffentlichungen dazu. Das ist ein weiteres Problem, denn so sind Vermutungen und Vorurteilen Tür und Tor geöffnet. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2013 (siehe Quelle 2) kommt zu dem Schluss, dass die dafür vorgelegten Rationen die wichtigsten Nährstoffe größtenteils bedarfsdeckend enthalten.

Diese Untersuchung hat jedoch viele Schwachstellen, weswegen sie meiner Meinung nach nur mit größter Vorsicht zu genießen ist. Ebenso wie alle anderen Veröffentlichungen dazu übrigens.

Fehlversorgungen sind höchst individuell – und kein pauschales "Rohfütterungsding"

Um es also herunterzubrechen, müssten wir sagen: Fehlversorgungen können wir nur dann zuverlässig feststellen, wenn unsere individuelle Katze Krankheitszeichen zeigt. Nicht durch theoretische "Zahlenspielerei" oder Jonglieren mit Durchschnittswerten. Denn die passen nicht für jede Katze. Alter, Aktivität, Gesundheitszustand, Stoffwechsel- und Organerkrankungen und Vieles mehr spielen dabei eine ungeheuer wichtige Rolle.

Aber natürlich wollen wir es gar nicht erst so weit kommen lassen, dass die Katze aufgrund schlecht zusammengesetzter Nahrung krank wird. Darum haben wir meist nur die Notlösung der Durchschnittswerte – bei Fertigfutter und bei Rohfütterung. Bei beidem kann es mächtig in die Hose gehen, wenn wir kein Grundwisen haben. Wer weiß, was er tut, kann ausgewogene Mahlzeiten zusammenstellen. Wer nicht weiß, was er tut, kann die Katze krank füttern. Und zwar mit jedem Futter.

Parasiten durch Rohfütterung: möglich, aber weitestgehend vermeidbar

Geht es um das Thema "Parasiten im Rohfutter" stehen uns deutlich mehr seriöse Veröffentlichungen zur Verfügung. Schließlich können wir hier auch auf die Daten zurückgreifen, die für den Hundebereich beobachtet wurden. Denn Fleisch ist Fleisch. Wichtig ist allerdings vorher zu wissen, dass wir auch bei diesem Thema im europäischen Raum bleiben sollten: Vorgaben für Heimtierfutter und Lebensmittel sind in verschiedenen Regionen der Welt teilweise sehr unterschiedlich.

Durch verschiedene Vorsichtsmaßnahmen[3] sorgen die Gesetzgeber in der EU dafür, dass die Wahrscheinlichkeit auf Parasiten auch für das Rohfutter unserer Katzen verringert wird. Das bedeutet natürlich nicht, dass es gar keine Parasiten im Fleisch gibt. Tatsächlich zeigen verschiedene Untersuchungen immer wieder, dass Rohfleisch Würmer und Einzeller bzw. deren Larven und / oder Eier enthalten kann – sogar jenes Rohfutter, das nicht selbst gemacht, sondern fertig gekauft wurde[4].

Rohfleischmahlzeiten in Feinkostbechern portioniert und in einer Schublade meines Gefrierschranks gelagert
Die rohen Mahlzeiten in großen Mengen einzufrieren erleichtert nicht nur die Fütterung im Alltag, sondern tötet auch den Großteil an Parasiten darin ab

Wer dieses Problem umgehen möchte, kann sein Fleisch für etwa eine Woche bei mindestens -17 Grad einfrieren. Denn das tötet Parasiten, deren Larven und Eier größtenteils ab[5]. Einfache Hygienemaßnahmen wie regelmäßige Reinigung der Katzentoilette, Benutzung einer Streuschaufel und Händewaschen danach verringern unser Risiko, uns anzustecken – sofern die eigene Katze überhaupt infiziert ist.

Viren und Bakterien können überall ein Problem werden

Nichts auf unserer Welt ist keimfrei – das wäre auch ziemlich problematisch. Das gilt natürlich auch für rohes Fleisch. Fakt ist, dass rohes Fleisch und auch fertig gekaufte Rohfleischmahlzeiten* für Hunde und Katzen eine Vielzahl an möglichen Bakterien und Viren enthalten kann[2,4,7,8]. Teilweise sind darunter auch wirklich problematische Bakterien – nämlich jene, die "multiresistent" sind, gegen die also viele Antibiotika nicht (mehr) helfen.

Die Antwort auf die Frage, ob Haustiere wie Hund und Katze aber ein Übertragungsrisiko für den Menschen darstellen, ist leider nicht eindeutig zu ermitteln. Wie auch bei allen anderen Themen rund um die Rohfütterung gibt es schlicht zu wenige (groß angelegte) Studien dazu. Und die Studien, die es gibt, können auch nur gestützte – aber eingeschränkte – Vermutungen darüber zulassen[8]: Es scheint, als ob manche untersuchten Bakterien zum Teil übertragen werden können, andere wiederum nicht.

Heißt im Klartext: Selbst wenn Rohfleisch diese Bakterien enthält und unsere Tiere sich anstecken, bedeutet das nicht zwingend, dass sie diese Infektionen an uns weitergeben.

* Ob diese Keime bereits im verarbeiteten Fleisch vorhanden waren oder erst – durch möglicherweise weniger gute Hygiene – bei der Zubereitung im Herstellerunternehmen in die Rohfleischmahlzeiten kamen, ist eine weitere offene Frage

Hygiene im Alltag und der Haustierhaltung ist grundlegend!

Im Hinterkopf sollten wir zudem behalten, dass wir selbst und auch unsere Haustiere tagtäglich mit krankmachenden – und auch multiresistenten – Keimen in Berührung kommen: sogar im Salat, in Gewässern, in Lebensmitteln, in unserer Küche, im Krankenhaus – kurz: in der gesamten Umwelt[6,9,10]. Und zwar ohne Ausnahme. Für gesunde Menschen und Katzen stellt das in der Regel weniger ein Problem dar[6]. Für Kleinkinder, schwangere, ältere und immungeschwächte Menschen – und Katzen – jedoch schon[6,9].

Hände in Einmalhandschuhen mischen Rohfleischmahlzeiten in einer kleinen weißen Plastikschüssel
Das Tragen von Einmalhandschuhen bei der Zubereitung kann ein sinnvoller Teil des eigenen Hygienekonzepts sein

Untersuchungen an Fertigfutter aus den USA zeigen, dass selbst verarbeitetes Tierfutter problematische Keime enthalten kann. Wir sollten daraus aber nicht schließen, dass sich die Ergebnisse eins-zu-eins auf Fertigfutter in Europa übertragen lassen – wir erinnern uns: unterschiedliche Vorgaben bei der Futterherstellung – wohl aber, dass auch erhitztes Fertigfutter nicht per se garantiert frei von solchen Problemen sein muss.

Kurz: wir können schlicht nie vermeiden, mit solchen Keimen in Berührung zu kommen. Kein rohes Fleisch zu verfüttern kann allerdings ein Faktor – von vielen – sein, das Gesundheitsrisiko zu minimieren. Das alles zeigt uns, wie wichtig Hygiene im Alltag ist. Nicht nur bei der Zubereitung von Rohfutter für unsere Tiere. Auch bei der Zubereitung unserer eigenen Lebensmittel: zwar kochen wir in der Regel unser Fleisch und töten dadurch Krankheitskeime ab, aber durch Schneidbretter, Messer, Hände, Geschirrtücher, Lappen etc. können Keime leicht überall hin übertragen werden.

Risiken durch Knochen: bei der Katze weniger problematisch und zudem leicht zu vermeiden

Kalzium ist ein wichtiger Nährstoff für Mensch und auch Katze. Allerdings enthält "Fleisch allein" fast gar nichts davon – eine Mahlzeit für die Katze muss also zusätzliches Kalzium enthalten. Zum Beispiel durch Knochen oder entsprechende Alternativen. Auch in der Natur frisst die Katze ihre kleinen Beutetiere mitsamt Knochen und Organen. Im Gegensatz zum Hund neigt sie dabei eher nicht zum Schlingen.

Das bedeutet für die Rohfütterung der Katze: rohe Knochen von kleinen Tieren können eine sinnvolle Ergänzung zum Fleisch sein. Dabei sind die Worte "roh" und "klein" ebenso wichtig wie die durchdachte Dosierung. Denn erhitze Knochen splittern schneller und stellen damit tatsächlich eine große Gefahr für die Katze dar. Auch die richtige Menge sollte es sein, denn sonst gibt es schlimme Verstopfung bis hin zum lebensbedrohlichen Darmverschluss. Kleine Kochen deswegen, weil die Katze diese besser zerbeißen und aufnehmen kann.

Fein gemahlenes Eierschalenmehl auf einem Holzbrettchen
Eierschalenmehl ist eine der Alternativen für ganze rohe Knochen

Insgesamt ist das Verletzungsrisiko durch rohe Knochen bei der Katze extrem gering[2]. Wer jedoch schlingende, gierige Katzen hat oder schlicht unsicher ist, kann auf die vielen alternativen Kalzium-Supplemente zurückgreifen: zum Beispiel gewolfte Knochen, Knochenmehl, Eierschalenmehl oder Algenkalk.

Fazit: viele Vermutungen – manche davon begründet, manche aufgebauscht

Viele Aussagen über die Rohfütterung der Katze fußen auf Vermutungen und – teilweise begründeten – Gesundheitsbedenken. Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass bei der Rohfütterung nichts nur gut oder nur schlecht ist und uns momentan immer noch viel Wissen fehlt.

Bisher gibt es weder zu den Vorteilen, noch zu den Nachteilen der Rohfütterung bei Katzen aussagekräftige wissenschaftliche Studien. […] Von Kritikern der Rohfütterung werden verschiedene Nachteile genannt, aber bisher fehlt es an Veröffentlichungen, die einen Zusammenhang dieser möglichen Nachteile allein mit der Verfütterung von Rohfutter herstellen.– Lea Reichert, Dimplomarbeit "Umfrage zum Thema Rohfütterung („BARF“) der Katze inklusive Überprüfung der gefütterten Rationen" , 2013

Wer gerne ausgewogenene Tipps von Expert*innen lesen möchte, kann sich bei der ESCCAP umschauen: Die ESSCAP ist eine Vereinigung europäischer Veterinärparasitolog*innen, die Aufklärung über verschiedenste Parasitenthemen bereit stellt. Zum Thema Rohfütterung haben sie bisher folgende beiden Dokumente veröffentlicht:
Rohfleisch-basierte Ernährung (.pdf-Download)
ESCCAP-Information: Sachgerechter Parasitenschutz (.pdf-Download)






Unsere liebe Leserin Kristina hat mich auf die Idee zu diesem Blogartikel gebracht. Danke für die Inspiration!

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Verhaltens- & Ernährungsberaterin für Katzen, Bloggerin

Seit vor über 20 Jahren die erste Katze einzog, steht für Miriam fest: nie mehr ohne Samtpfoten! Es folgten viele Anfängerfehler und ein steiniger Lernprozess. Um andere Menschen vor diesen Fehlern zu bewahren, hat sie 2012 ihr Herzensprojekt katzen-fieber.de ins Leben gerufen. Heute ist sie nicht nur Bloggerin, sondern auch Ernährungs- und Verhaltensberaterin für Katzen.

Ihre Mission ist es, anderen Menschen mit leicht verständlichen Informationen zur Seite zu stehen.

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