Meinung

Sind Tierschutzkatzen “dankbar”?

Blicke können Mitleid erregen und zu falschen Vorurteilen führen

Blicke können Mitleid erregen und zu falschen Vorurteilen führen

27. September 2019
Lesezeit ca.: 5 Min., 39 Sek.  
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1 Kommentar

Oft lese ich in Foren und sozialen Netzwerken die Aussage "Nimm eine Tierschutzkatze, die sind dankbar!" Ich zucke dann oft zusammen. Ich zucke zusammen, weil ich davon überzeugt bin, dass diese – und ähnliche Aussagen – nicht nur an der Wahrheit vorbeistolpern, sondern auch negative Folgen haben können. Und zwar für viele neue Halter und auch für Tierschutzkatzen. Warum ich so denke, möchte ich heute mit euch diskutieren.

Menschliche Gedankengänge passen nicht in den Katzenkopf

"Dankbarkeit" ist ein moralisches, theoretisches Konstrukt. Die Katze teilt aber die menschliche Moral nicht. Es ist einfach nicht ihre Natur. Um Dankbarkeit im eigentlichen Wortsinne verspüren zu können, müsste ihr klar sein, dass ihr neuer Halter es war, der sich bewusst dazu entschieden hat, sie ins neue Zuhause zu holen. Und dass Futter, Sauberkeit, Gesundheit usw. ab sofort nur noch von seinem guten Willen abhängig ist.

Sie müsste verstehen, dass die zunächst äußerst negativen Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Umzug (Stress, Angst) auf lange Sicht nur dazu führen sollen, dass sie sich besser fühlt. Dazu müsste sie also entweder vorrausschauend positiv denken oder im Nachgang neutral über ihre Situation reflektieren können.

Zuwendung zu genießen und Vertrauen zu fassen ist keine Dankbarkeit. Es ist eine normale Reaktion, wenn positive Reize von außen längerfristig den negativen überwiegen. Dazu braucht es keine Moral und keine verschlungenen Gedankenwege. Auch, wenn beides von außen gleich interpretiert werden kann, kann sich die Idee der "Dankbarkeit" auch schnell in Negative verkehren:

Auch positive Vorurteile haben negative Folgen

"Dankbarkeit" hat in unseren menschlichen Köpfen immer einen Grund: eine schlechte Situation, aus der man Jemandem heraus hilft. Der Gedanke von der dankbaren Tierschutzkatze fußt also auch immer unweigerlich auf dem Grundgedanken, dass sie es in ihrem bisherigen Leben ausschließlich schlecht hatte. Das mag auf Straßenkatzen, manche Auslandstiere und misshandelte Tiere zutreffen.

Es ist jedoch ein Trugschluss, dass Katzen es in deutschen Tierheimen ungemein schlecht hätten. Tatsächlich werden sie dort oft besser gehalten und versorgt als in so manchem privaten Zuhause. Besonders in den letzten Jahren hat sich enorm viel in der "Rundum-Sorglos"-Versorgung im deutschen Tierschutz getan!

Wer Tierschutzkatzen also pauschal Dankbarkeit unterstellt, unterstellt auch gleichzeitig indirekt den Tierschutzmitarbeitern schlechte Arbeit. Ein Bärendienst!

Das Vorurteil von der Dankbarkeit als Abgrenzung kann nach hinten los gehen

Wer so betont, dass Tierschutzkatzen dankbar seien, grenzt damit alle anderen Katzen ebenso pauschal als "undankbar" ab. Eine sehr negative und ungerechtfertigte Assoziation. Jede Katze, egal woher sie kommt, genießt gute Haltung und Zuwendung. Wie sehr sie diese Zuwendung zeigen kann, hängt auch von ihrer Vergangenheit, ihrem Charakter ab. Eine Katze, die weniger extrovertiert ist, ist nicht weniger "dankbar".

Hinzu kommt, dass eine solche Betonung der Dankbarkeit auch zu der Schlussfolgerung führen könnte, Tierschutzkatzen hätten es "nötig" besonders toll herausgestellt und vorteilhaft beschrieben zu werden. Ausdrückliche Hervorhebung und positive Vorverurteilung wirken in den Köpfen vieler Menschen aber wie marktschreierische Werbung: "Da muss doch ein Haken sein?"

Positive Vorurteile wecken Erwartungshaltungen

Richtig unschön wirds dann, wenn Dankbarkeit erwartet wird. Oder positive Veränderungen. Einfach nur, weil man die Katze "gerettet" hat. So funktioniert das bei der Katze aber nicht. Bei der Aufnahme eine Tiers – egal, ob Hund, Katze aus dem Tierschutz oder nicht – kann das leider schnell übel enden. Und das tut es auch nicht selten.

Die Katze ist im neuen Zuhause immer noch sie selbst. Sie schleppt ihr Päckchen auch ins neue Zuhause mit und wird sich nicht auf wundersame Weise urplötzlich so verändern, wie der neue Halter das wünscht. Dann setzt nicht selten Enttäuschung oder gar Wut ein. Folge davon kann eine Abgabe des Tiers wegen Überforderung sein: das Tier wird zum Wanderpokal. Damit ist Keinem geholfen.

Manche Menschen assoziieren "Dankbarkeit" auch oft mit "Macht alles mit" oder "Stellt weniger Ansprüche". Auch solche Gedanken sind ungerecht und egoistisch.

Die Moralkeule erzeugt Druck

"Tierschutzkatzen sind dankbar" soll oft nichts anderes als "Die haben es nötig" bedeuten. Heißt im Endeffekt auch "Wenn du dich dagegen entscheidest, ist dir ihr Leid egal". Das ist in vielen Fällen nicht nur grundfalsch, es erzeugt auch Druck. Druck, sich vielleicht zum falschen Zeitpunkt oder aus den falschen Gründen für die Aufnahme einer Tierschutzkatze zu entscheiden. Quasi aus Gruppenzwang. Man will ja schließlich kein schlechter Mensch sein…

(Falsches) Mitleid führt zum "Helfersyndrom"

Es gibt Menschen, die sich mehr von Emotionen als von Vernunft leiten lassen. Dann wird die x-te Tierschutzkatze "gerettet", weil sie ja so arm dran ist. Dass zuhaus schon längst kein Platz und Geld mehr ist, um allen Tieren gerecht zu werden, wird dann nicht selten verdrängt. Darunter leiden Tier und Mensch. Es ist unfair und verantwortungslos. Wer lernt, keine Moral-Gedanken in den Kopf der Katze zu projizieren und mit weniger Emotionen an Entscheidungen heranzugehen, trägt Sorge für alle Beteiligten und begibt sich nicht so schnell in Situationen, die über den Kopf wachsen.

Jede Katze ist individuell und sollte auch so behandelt werden

Tierschutzkatzen sind nicht mehr oder weniger "dankbar" als andere Katzen. Egal, woher die Katze kommt: sie hat ein Anrecht darauf, gut gehalten zu werden. Alle Katzen sind auf ihre Art liebenswert und haben es verdient, ein gutes Zuhause zu bekommen. Da braucht es keine konstruierten Vorverurteilungen von "Dankbarkeit", um sich als "Retter" selbst auf die Schulter klopfen zu können. Wir sollten jede Katze so nehmen, wie sie ist und ihr das bestmögliche Zuhause bieten. Dazu brauchen wir keine gut gemeinten Vorurteile schüren und Menschen falsche Erwartungen suggerieren.

Keine Katze wird sich nach unseren Erwartungen richten, weil wir meinen, wir hätten mit ihrer Aufnahme etwas Gutes getan. Stattdessen sollten wir nach dem "Ist-Zustand" urteilen, ob eine Katze zu uns, in unser Zuhause passt. Und das, egal, woher sie kommt. Zuwendung, Arbeit, Nerven und Geld kosten alle. Manche mehr, manche weniger. Manche passen besser zu uns, manche gar nicht. Das ist aber vollkommen unabhängig von ihrer Herkunft oder Vergangenheit. Daran ändern auch keine Fotos von Kulleräuglein und gephotoshopten Tränchen etwas. Auch nicht die herzzerreißende, tragische Lebensgeschichte.

Wer sich subjektiv nicht dazu in der Lage sieht, spezielle Bedürfnisse der Katze zu erfüllen, ihr die Unterstützung zu bieten, die sie braucht, tut gut daran, sich gegen eine Aufnahme zu entscheiden. Egal, welchen emotionalen Druck uns Vorurteile von "Dankbarkeit" oder "arm dran" machen.

zuletzt überarbeitet: 25.September. 2019
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Über Miriam

Miriam hält Katze Janis auf dem Arm

Ich bin 36 Jahre alt und halte seit 18 Jahren Katzen. Derzeit lebe ich mit meinen beiden Katzen Janis und Lara im schönen Ruhrpott. Meine Neugier treibt mich seit zehn Jahren dazu, mein Wissen über Katzen ständig zu erweitern. Auf diesem Blog geht es nicht nur um persönliche Erfahrungen, sondern auch um praxisnahe Tipps und die Wissensvermittlung.

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Eine Antwort zu “Sind Tierschutzkatzen “dankbar”?”

  1. Ursel sagt:

    Liebe Miriam,

    das Thema hast du spitzenartig beschrieben, alle Facetten beleuchtet, einfach supergut, danke! Bin ganz deiner Meinung.

    Allerdings könnte ich diesen süßen Fratz auf dem Foto sofort mitnehmen – gefühlsmäßig. Aber ich weiß, dass meine beiden Tiger keinen neuen dulden würden – eben Verstand eingeschaltet, obwohl es sehr, sehr schwer fällt. Ich weiß noch, wie wir eine Katze aus dem Tierheim holen wollten, weil unsere gestorben war (mit 20 Jahren!) Mit nach Hause gebracht haben wir dann 2 kleine Kater. Aber es war so ein blödes Gefühl, aus all den Kätzchen “nur” zwei auszusuchen.

    Herzliche Grüße
    Ursel

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