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“Nicht eingreifen solange kein Blut fließt” – ein fataler Rat

Ein beherzter Biss kann auch Teil einer beiderseits gewollten und harmlosen Spaßkloppe sein - so wie bei diesen beiden Kittenkatern

Ein beherzter Biss kann auch Teil einer beiderseits gewollten und harmlosen Spaßkloppe sein - so wie bei diesen beiden Kittenkatern

13. November 2020
Lesezeit ca.: 6 Min., 43 Sek.  
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6 Kommentare

Geht es um Zusammenführungen oder Streitigkeiten im Katzenhaushalt fällt häufig die Aussage "Nicht Eingreifen solange kein Blut fließt. Die regeln das unter sich". Doch dieser fatale Ratschlag ist grundfalsch und führt zu viel unnötigem Leid. Denn wer nach diesem Leitsatz lebt, ignoriert viele kleine, aber wichtige Anzeichen für Ungleichgewichte in der Katzengruppe. Wir Tierhalter sollten im Gegenteil nicht abwarten bis die letzte Eskalationsstufe, das Blutvergießen, erreicht ist. Damit ersparen wir unseren Katzen einen qualvollen Alltag und stellen entscheidende Weichen für einen normalen Umgang in der Katzengruppe.

Katzen erdulden viel, bis es zum ernsthaften Kampf kommt

Jedes Lebewesen möchte sich vor Verletzungen schützen. Die Katze mit den Instinkten eines Jägers nur noch mehr. Denn wer verletzt ist, jagt nicht mehr so erfolgreich und ist auch selbst für Fressfeinde leichtes Ziel. Aber auch die Gefahr einer lebensbedrohlichen Infektion ist durch Bisse und Kratzer gegeben. So ist es nicht verwunderlich, dass Wild- und Hauskatzen erst einmal alle harmloseren Optionen ausschöpfen, um einen ernsthaften Kampf zu vermeiden.

Das reicht von aus-dem-Weg-gehen, über Beschwichtigungsgesten bis hin zu Drohgebärden wie Fauchen und Brummen: Erst einmal dem Konkurrenten zeigen, dass man keinen Streit will und dann, wenn er es doch drauf anlegt – oder keine Fluchtmöglichkeit besteht – ordentlich TamTam machen. Dann lässt sich das Gegenüber vielleicht doch noch einschüchtern. Und wenn nicht, kommt es in manchen Fällen zum Kampf mit Krallen und Zähnen.

Der Kampf ist nur die – vermeidbare – letzte Stufe der Eskalation

Vorher passiert aber erst eine ganze Menge. Eine ganze Menge negativer Energie, die sich erst dann entlädt, wenn es nicht mehr anders geht. Das ist bereits am Verhalten, der Körpersprache und oft auch den Lautäußerungen zu erkennen. Zumindest für die Katzen unter sich, viele Halter allerdings missinterpretieren die Anzeichen. Das kann fatal enden.

Nicht nur sensible Katzen lassen sie nie auf einen Kampf ein, leiden aber trotzdem jahrelang

Katze schlägt andere Katze

Auch ein "Gong" gehört mal dazu, das allein ist jedoch noch kein Grund zur Besorgnis

Denn nicht nur sensible Katzen lassen sich von ihren Mitkatzen eine ganze Menge gefallen. Viele Exemplare wehren sich schlicht gar nicht. Das kann mit ihrer Vergangenheit, mit ihrem Charakter, aber auch mit ihrem Stand in der Katzengruppe zusammenhängen. Egal, welcher Grund dafür besteht: sie bleiben die unterdrückten "Prügelknaben" in der Katzengruppe und leiden tagtäglich vor sich hin.

Wer da als Halter nicht genau hinschaut, hat ein falsches Bild vor Augen, während es unterschwellig jeden Tag brodelt. Das ist für keine der Katzen angenehm, erst recht nicht für die Untergebutterte.

Eingespieltes Mobbing ist auch ohne Blutvergießen die Hölle auf Erden

Wer selbst schon einmal von Mobbing betroffen war, hat es hautnah miterlebt: auch ohne blutige Nase können regelmäßige, kleinere Attacken das eigene Leben zur Hölle machen. Nicht anders ist es bei Katzen. Bei ihnen fängt Mobbing nicht erst mit "handfesten" Vorkommnissen an. Es beginnt bereits mit Blicken, mit Herumgeschubse, mit im-Weg-liegen und vielen anderen scheinbaren Kleinigkeiten. Passieren solche Dinge ständig und immer nur einer Katze, kann ihr das seelisch stark zusetzen.

Und wer ständig unterdrückt und gegängelt wird, kann auch körperlich erkranken. Leider bekommen viele Halter erst in diesem Stadium mit, dass mit ihrer Katze etwas nicht stimmt. Die Verbindung zu einer ungesunden Gruppendynamik sehen dabei allerdings noch weniger Halter.

Ernsthafte Streitigkeiten werden auch subtil ausgetragen

Diese ungesunde Gruppendynamik kann sich ab dem ersten Tag des Zusammenlebens einschleichen. Also direkt mit der Zusammenführung. Denn die Zusammenführung stellt die Weichen für das zukünftige Zusammenleben. Hakt es bereits dort, ist das Risiko groß, dass Probleme im Lauf der Zeit nur noch größer werden. Und sich dann irgendwann in einer Explosion entladen. Einer Explosion, die sich zunächst subtil ankündigen kann und sich immer weiter steigert.

Aber auch nach jahrelangem friedlichen Zusammenleben kann es Auslöser geben, die das Zusammenleben in der Katzengruppe plötzlich hart umkrempeln. Häufig sind Veränderungen im Umfeld der Katzen oder umgerichtete Aggression der Grund. Ist eine ungesunde Gruppendynamik erst einmal fest etabliert, ist es schwer bis unmöglich, sie wieder zu durchbrechen.

Dabei müssen Kämpfe und ernsthafte Ungleichgewichte in der Katzengruppe nicht mit Blut, Urin- oder Kot einhergehen: die meisten Katzen haben Fell, welches Kratzer abmildert oder verdeckt. So können sich die Katzen in Abwesenheit des Halters durchaus ordentlich "in der Wolle haben", ohne, dass der Halter hinterher etwas bemerkt. Auch weniger handgreifliche Vorkommnisse können ernsthaft gemeint sein. Harmlos sind solche Streitigkeiten dennoch nicht.

Was ist umgerichtete Aggression?

Bei der umgerichteten Aggression fokussiert die Katze ihre Wut und Verunsicherung auf etwas anderes als den auslösenden Reiz. Das können zum Beispiel Mitkatzen oder anwesende Menschen sein. Dies tut sie in der Regel, weil sie im auslösenden Moment zu überfordert ist oder den eigentlichen Auslöser selbst nicht erreichen – oder verstehen – kann.

Typische Auslöser sind Schmerzen, plötzlicher Krach oder der Anblick einer verhassten Mit- oder Nachbarskatze: Erschrickt sich die Katze oder macht negative Erfahrungen, kann sie das mit dem Halter oder anderen Anwesenden verbinden. Der negative Reiz sitzt so fest, dass sie zukünftig aggressiv auf die Anwesenden reagiert – obwohl diese eigentlich völlig unschuldig am negativen Reiz sind.

Jede negative Erfahrung summiert sich zum großen negativen Ganzen

Blutige Wunden oder spontane Urin- bzw. Kotabgabe sind erst das allerletzte Zeichen, dass in der Katzengruppe etwas ganz und gar nicht stimmt. Denn weit vorher schon kann der Haussegen gewaltig schief hängen. Leider oft auch irreparabel. Denn: je öfter die Tiere eine negative Begegnung haben, umso mehr brennt sich das in ihre Köpfe ein. Die Stimmung ist vergiftet, aggressiv aufgeladen und jeder kleine Anlass reicht, um das Pulverfass zu zünden.

Daher ist es ungemein wichtig, nicht erst aufs Blutvergießen zu warten, sondern bereits sehr viel früher einzugreifen. Nicht nur, um den Tieren viel Leid zu ersparen, sondern auch, um die Chancen zu erhöhen dass sich die Tiere wieder neutral begegnen können. Ob jemals (wieder) eine Freundschaft entstehen kann ist auch abhängig von den eingeleiteten Maßnahmen, dem Charakter der Tiere und dem Maß der Feindschaft. In sehr vielen Fällen ist die Begleitung durch einen kompetenten Verhaltenstherapeuten sehr sinnvoll.

Körpersprache und Gruppendynamiken sagen mehr aus als Blutvergießen

Katzen spielen am Rascheltunnel

Spaß oder Ernst, Freund oder Feind? – Die Körpersprache gibt in diesem Foto eindeutige Antwort*

Und das nicht nur, um eingefahrene Streitigkeiten zu entwirren, sondern auch, um sie erst gar nicht entstehen zu lassen. Denn es gibt durchaus viele Punkte, mit denen wir Halter das Risiko für Streitigkeiten und Mobbing in der Katzengruppe verringern können. Allen voran steht das Wissen um die Verhaltensbiologie der Katze, die Kenntnis von Körper- und Lautsprache und dem genauen Analysieren der Gruppendynamik.

Wir alle müssen lernen zu erkennen, wann Spaß aufhört und Ernst beginnt und dann durchdacht eingreifen können. Leider ist das mit einer so leichtfertigen Aussage wie "So lange kein Blut fließt, ist alles in Ordnung. Die regeln das schon unter sich" nicht getan. Im Gegenteil: sie verleitet dazu, den Anfang einer schlimmer werdenden Feindschaft zu übersehen. Bis wir der letzten Eskalationsstufe – dem Blutvergießen – hilf- und ratlos zusehen müssen.




* Körpersprache zu interpretieren ist ein Puzzlespiel: nur zusammen ergibt sich ein Gesamtbild. Der gesamte Körper, die Größe der Pupillen, Ohren, Schwanz, Fell und Tasthaare drücken je nach Haltung andere Motivation aus. Würde man in diesem Bild nur die geduckte Haltung von Janis (Tunnel) anschauen, könnte der Eindruck von Angst entstehen. Schaut man sich aber zusätzlich noch die aufgerichteten Ohren, die nach vorn gerichteten Tasthaare und den "nicht-plattgedrückten" Körper an, wird schnell klar, dass sie ohne Angst einen Scheinangriff als Auftakt zum Spiel erwartet.

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zuletzt überarbeitet: 12.November. 2020
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Über Miriam

Miriam hält Katze Janis auf dem Arm

Mein Name ist Miriam. Vor 19 Jahren zog die erste Katze bei mir ein. Dabei habe ich viele Anfängerfehler gemacht und aus ihnen gelernt. Also beschloss ich, mich durch Fachlektüre und -vorträge weiterzubilden. Das Ergebnis davon kannst du unter Anderem hier im Blog nachlesen.


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6 Antworten zu ““Nicht eingreifen solange kein Blut fließt” – ein fataler Rat”

  1. Steffi sagt:

    Liebe Miriam,
    Deine ausführlichen, liebevoll geschriebenen und immer fundierten Artikel lese ich supergern und mit großem Interesse.
    Sie regen zum Nachdenken und Sensibilisieren an, und waren für mich auch schon das ein oder andere Mal konkret sehr hilfreich. Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße, Steffi

  2. Sophie sagt:

    Hallo Miriam,
    Vielen vielen Dank für den augenöffnenden Text.
    Tatsächlich hatte ich auch im Ohr, dass Katzen es untereinander regeln,die Dynamik sich öfter mal ändert und natürlich “so lange kein Blut fließt”. Seit längerem mische ich mich aber immer mal ein. Z.b. Wenn Loki auf den Schrank an seinen-leider früheren – lieblingsplatz klettert und Alf dann kommt und beginnt ihn anzustarren. Wenn das nicht genügt, klettert er hoch. Ich habe dann versucht ihn abzulenken durch spielen, rufen etc. Aber bei einer kurzen Spielpause ist der Blick gleich wieder auf den Schrank gerichtet. Es ist fürchterlich. Jetzt, nach deinem Text, wird doch sehr Angst und Bange, dass ich da etwas habe manifestieren lassen…ich will mich tiefer befassen. Habe schon ein paar deiner Buchtipps daheim. Hast du aber vielleicht einen Rat vorab, wie ich in einer mobbenden Situation intervenieren sollte?

    Ich hoffe, du hast in NRW auch viel Sonnenschein erleben dürfen. Der dunkle Winter wird dadurch immer etwas abgemildert, finde ich.

    Liebe gesunde Grüße!
    Mach weiter so. Ich finde deine Seite spitze!!!!
    Sophie

    • MIRIAM sagt:

      Huhu Sophie,
      “Viel Sonnenschein” ist wohl übertrieben 😀 Wir haben hier eher Regen und starken Wind, aber je mehr die Blätter tanzen, umso mehr Spaß haben meine Mädels am Fenster 😉
      Wie man in einer mobbenden Situation intervenieren sollte, kommt meiner Meinung nach ganz auf die Situation selbst, die beteiligten Katzen und die Wohnsituation an. Wichtig ist meiner Meinung nach, dem “leidenden” Part sichere Rückzugsorte einzurichten und dem aktiven Part ordentlich was zu tun zu geben: geistig und körperlich. Und auch zu schauen, warum sich da ein Ungleichgewicht entwickelt hat – da entsprechend gegen zu arbeiten bzw. ne Lösung zu finden. Außerdem auch Klos und Näpfe so einzurichten, dass alle beteiligten Katzen ohne Trara da ihre Ruhe finden. Ich glaube, da gibt es zahlreiche Tipps und Tricks, um ein wenig Ruhe rein zu bringen. Jeder Haushalt muss da wohl individuell schauen.

      Liebe Grüße
      Miriam

      • Sophie sagt:

        Hallo Miriam,
        Vielen Dank für deine Antwort.
        Futter gibt es rigoros nur noch in getrennten Räumen. Das ganz schlägt gut an. Hast du vielleicht doch noch nen Buchtipp ?
        Ich habe das “1.-Hilfe” Buch von Christine Hauschild herangezogen, aber wenn du noch was empfehlen kannst…?
        Meine größte Angst ist, dass es nicht mehr zu ändern sein könnte oder schlimmer wird.
        Ich hoffe, euer Haussegen bleibt stabil!
        Viele liebe Grüße

      • MIRIAM sagt:

        Huhu Sophie!
        Ich denke, mit dem angesprochenen Buch bist du gut informiert. Derzeit ist mir kein anderes Buch in dieser Thematik bekannt, das so umfassend und kompetent Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Leider kann ich deine Angst gut verstehen 🙁 Ich wünsche euch, dass ihr den Haussegen bald wieder gerade rückt – und das dauerhaft.

        Liebe Grüße
        Miriam

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