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Vorsicht: Vorurteile!

Die Katze als pflegeleichte Alternative zum Hund? Wie ein Vorurteil zu Enttäuschungen führt

Die Katze ist nicht pflegeleichter als ein Hund - wird jedoch oft fälschlicherweise dafür gehalten

Die Katze ist nicht pflegeleichter als ein Hund - wird jedoch oft fälschlicherweise dafür gehalten

01. Oktober 2021
Lesezeit ca.: 5 Min., 6 Sek.  
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1 Kommentar

"So eine Katze ist viel pflegeleichter als ein Hund. Sie muss nicht gassigehen und ist außerdem auch ein toller Kuschelpartner, wenn es mir schlecht geht". So ähnlich habe ich vor 20 Jahren gedacht, bevor ich mir meine erste Katze angeschafft habe. Ich lache heute sehr darüber. Aber dann fällt mir wieder ein, dass zahlreiche andere Menschen heute noch genau so denken. Und sich mit diesem Gedankengang tatsächlich Katzen anschaffen. Das führt zu unglaublich vielen Problemen und schließlich Leid bei Halter und Katze. Zeit, diesen Gedanken ein wenig Realität beizubringen.

"Kein Gassi gehen" bringt trotzdem keine Zeitersparnis

Viele Menschen glauben, in der Katzenhaltung reiche es aus, einmal am Tag zu füttern und alle paar Tage das Katzenklo zu säubern. Hat die Katze Zugang ins Freie, könne Letzteres sogar ganz entfallen. Und tatsächlich ist das auch Alltag in vielen Katzenhaushalten. So ist es natürlich klar, dass in den Köpfen dieser Personen durch das weggefallene Gassigehen eine enorme Zeitersparnis winkt.

Wer jedoch den Bedürfnissen der Katze auch nur ansatzweise wirklich gerecht werden möchte, kommt mit diesen paar Minuten am Tag bei Weitem nicht aus.

Tagesplan für Katzenhalter

Tagesplan für Katzenhalter

Mindestens eine Stunde pro Tag nur für die Katze

Denn tatsächlich braucht die Katze mehr als einmal am Tag Futter oder ein mehr-oder-weniger-begehbares Katzenklo. Sie braucht viel Beschäftigung, Zuwendung und Pflege. Das Katzenklo – das übrigens auch Freigänger zuhause vorfinden sollten – gehört mindestens einmal täglich gesäubert.

Auch zwei bis drei Mahlzeiten gehören zum Mindestprogramm im Katzenhaushalt. Dazu kommen noch mehrere kurze Spieleinheiten – auch im Mehrkatzenhaushalt. Wer keine Verhaltensstörungen riskieren möchte, rechnet darauf noch einmal Zeit für die geistige Beschäftigung der Katze: ob mit Intelligenzspielzeugen, Clickern oder dem sogenannten "Enrichment" bei der Wohnungsgestaltung oder dem Füttern.

Zusätzlich darf auch getrost Zeit für das Kuscheln, für routinemäßige Gesundheitsuntersuchungen zuhause und eventuelles Bürsten eingerechnet werden. Bei älteren, kranken oder gehandicapten Katzen kommen noch Medikamentengabe, Überwachung des Fress- und Kloverhaltens hinzu.

Aber auch bei gesunden, fitten Katzen fällt so mindestens eine "Katzenstunde" pro Tag an, die fest eingeplant werden muss. Bei Wohnungskatzen – auch in der Mehrkatzenhaltung – durchaus noch ein wenig mehr. Und bei einzeln gehaltenen Wohnungskatzen noch einmal deutlich mehr.

"Enrichment" = "Bereicherung"

Bereicherung des Wohnumfelds und des Fütterungsprozederes ist für den Katzenhaushalt eine wichtige Sache. Denn es reicht nicht, die Wohnung nach menschlichen Gesichtspunkten einzurichten und die Bedürfnisse der Katze dabei zu übergehen. "Einfach Futter hinstellen" entspricht ebenfalls nicht den Bedürfnissen der Katze.

Katzen leiden unbemerkt, Bedürfnisse werden öfter übersehen

Ich kann mir das "Katzen sind pflegeleichter"-Vorurteil mittlerweile vor allem durch eine Tatsache erklären: Katzen leiden still und resignieren in vielen Fällen lieber als ihre Not auch öffentlich zu zeigen.

Bei Hunden ist das anders: da ist Vernachlässigung und schlechte Haltung fast immer nach außen sichtbar. Jeder kennt die schlecht erzogenen, ständig bellenden und verhaltensauffälligen Hunde der Nachbarschaft. Denn sie kommen – in den meisten Fällen – raus, tun ihr Leid durch lautes Bellen, offensichtlichen "Ungehorsam" und Aggression kund. Und zwar so, dass Jeder es sehen kann und leider nicht selten auch andere Menschen – oder Hunde oder Gegenstände – dadurch zu Schaden kommen.

Die schlecht gehaltene, die unter Schmerz oder Unterforderung leidende Katze dagegen sitzt einfach nur hinter verschlossenen Türen. Hier bekommt nur Derjenige einen Einblick, der ins Katzenzuhause eintritt und auch genug Ahnung hat, das Leid der Katze zu erkennen. Und auch der Tierarzt kann nicht eingreifen, weil er die ganz schlimmen Fälle kaum zu Gesicht bekommt.

Der öffentliche Druck auf schlechte Katzenhalter ist eben weniger groß als der auf schlechte Hundehalter: schließlich kann man das Leid bequemerweise gut verstecken.

Mindestens eine Stunde pro Tag nur für die Katze Zeit nehmen

Mindestens eine Stunde pro Tag nur für die Katze

Ignorierte Bedürfnisse rächen sich – nur selten werden Zusammenhänge erkannt

Schlecht verstecken dagegen lassen sich zerfetzte Tapeten und Möbel, zum Himmel stinkende Wohnungen und dauernd schreiende Katzen. Allerdings bekommen diese Anzeichen auch nur Besucher und umliegende Nachbarn mit. Dem Halter selbst bescheren solche Hilferufe viel Leid – nicht immer jedoch ist das menschliche Leid dann aber groß genug, um sich den Ernst der Lage klar zu machen. Viele Menschen leben einfach in einer zerstörten, vollgepieselten, stinkenden Wohnung und resignieren.

Selbst Denjenigen, die sich in einer solchen Umgebung nicht wohlfühlen, ist oft nicht klar, was dieses Katzenverhalten auslöst. In ihren Augen ist die Katze schuld, die Katze "bescheuert" oder alle Katzens sind so. Dass sie selbst die alleinige Schuld an dieser nicht-normalen Situation haben und die Katze viel extremer leidet als sie selbst ist in vielen Fällen kein Gedanke, der aufkommt. Für die Katze ist dieses Endergebnis noch fataler.

Auch die Medien und Unternehmensbranchen machen mit

Wer sich in Zeitungen, Fachgeschäften und in der Werbung umschaut, wird schnell merken: hier ist die Katze stark unterrepräsentiert. Dem Hund und seinen Bedürfnissen, seinem Wohlbefinden wird deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Es gibt weitaus mehr Produkte, Dienstleistungen und Informationsmöglichkeiten für Hunde- als für Katzeninteressierte.

Ich frage mich schon lange die Henne-Ei-Frage: bekommt die Öffentlichkeit davon so wenig mit, weil der Markt nicht da ist – oder ist der Markt nicht da, weil die Öffentlichkeit sich nicht interessiert bzw. keinen Bedarf sieht? Wenn ich beobachte, wie viele spezielle (auch gute!) Katzenangebote in den letzten Jahren das Licht der Welt erblickt haben und wie wenig davon dem "Otto-Normal-Verbraucher" bekannt ist, fürchte ich, ist die Antwort nicht ganz einfach.

Wem nicht klar ist, dass es anders geht und warum es anders gehen sollte, der wird auch kein Interesse daran haben, etwas zu ändern. Aus dem Grund halte ich daran fest, Jedem der es hören will zu erklären, dass das "Katzen sind pflegeleichter als Hunde"-Vorurteil so extrem falsch ist, dass es schmerzt.

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zuletzt überarbeitet: 01.Oktober. 2021
Aufrufe insgesamt: 674

Über Miriam

Miriam hält Katze Janis auf dem Arm

Mein Name ist Miriam. Vor 19 Jahren zog die erste Katze bei mir ein. Dabei habe ich viele Anfängerfehler gemacht und aus ihnen gelernt. Also beschloss ich, mich durch Fachlektüre und -vorträge weiterzubilden. Das Ergebnis davon kannst du unter Anderem hier im Blog nachlesen.


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Eine Antwort zu “Die Katze als pflegeleichte Alternative zum Hund? Wie ein Vorurteil zu Enttäuschungen führt”

  1. Betty sagt:

    Liebe Miriam, danke für den schönen und wichtigen Artikel. Ich erzähle auch möglichst oft, was man mit Katzen für tolle Sachen machen kann: Clickertraining, Agility usw. Und wie sie sich über Klettermöglichkeiten im Haus freuen. Gern zeige ich auch Videos mit meinen Katern. Es wird meist erstaunt und interessiert aufgenommen. So hoffe ich, zu mehr Lebensqualität für Katzen beizutragen. Liebe Grüße
    Betty

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