01.Februar 2019 18:00 Uhr aus unserem Alltag 0

Einblick in die Tiertafel Gelsenkirchen

Lesezeit ca.: 6 Min., 42 Sek.

Wir alle können unverschuldet in eine finanzielle Notlage geraten. Wenn diese länger andauert, müssen wir lernen mit Einschnitten und Verzicht im täglichen Leben umzugehen. Was für Einzelpersonen schon schwierig genug sein kann, ist für Eltern und Tierhalter gleich eine noch größere Herausforderung. Der Staat bietet in vielen Fällen finanzielle Unterstützung an. Wenn diese jedoch nicht reicht oder nicht gewährt wird, gibt es glücklicherweise seit Jahren nicht-staatliche Stellen, die Betroffenen helfen. "Die Tafel" für Menschen gibt es bereits in vielen (nicht nur) großen Städten. Seit einigen Jahren eröffnen aber auch immer mehr Tiertafeln, die bedürftige Tierhalter in Notlagen unterstützen.

Seit Anfang Dezember letzten Jahres gibt es nun auch eine Tiertafel bei uns in Gelsenkirchen. Ich war am vergangenen Wochenende dort, durfte reinschnuppern und Fragen stellen.

Ein unscheinbarer Eingang zu einem wichtigen Projekt

Eingang zur Tiertafel Gelsenkirchen

Samstag, halb elf vormittags in der Neumarktgasse eins. Ein unscheinbarer Eingang in einer Nebenstraße. Fast wären wir daran vorbeigelaufen, denn nur ein mittelgroßes Schild über den Briefkästen und eine Folie an der geöffneten Tür machen auf die gelsenkirchener Tiertafel aufmerksam. Die Schrift auf der extra aufgestellten Tafel ist vom Regen verwischt. Ich mache ein paar Fotos vom Eingang, als Tiertafel-Leiter Stefan Keisel vor die Tür tritt. Wir begrüßen uns und werden herzlich willkommen geheißen. Wir kennen uns bereits durch ein vorhergehendes Telefonat.

Im Eingangsbereich und dem langen, schmalen Flur warten bereits etwa ein Dutzend Tierhalter. Einige von ihnen haben auch ihre Hunde mitgebracht. Viele grüßen nett, alle warten geduldig und gut gelaunt. Wir gehen zunächst bis zum Ende des Flurs und durchqueren die Anmeldung, um in einen kleinen Übergangslagerraum zu kommen. Herr Keisel möchte mit der Führung durch die Tiertafel hier beginnen. Denn der Übergangslagerraum dient auch gleichzeitig als Spendenannahme – der Anfang des Kreislaufs sozusagen.

Übergangslagerraum und Spendenannahme – beim Blick in die Regale wird schnell klar, welche Mengen Futter hier tatsächlich an die Kunden ausgeteilt wird

Hier stehen deckenhohe Metall-Regale, gefüllt mit verschiedenem Tierfutter und Zubehör. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin wuselt fleißig, nimmt Spenden an und gibt Zubehör heraus. Herr Keisel erklärt, dass das hier gelagerte Katzenfutter vermutlich nur für 2-3 Abgabetermine reichen würde. So können wir uns besser vorstellen, in welchen Mengenangaben hier gerechnet wird. Wir sind doch etwas beeindruckt davon ;) Zwei ehrenamtliche Mitarbeiter verräumen innerhalb der Woche den Nachschub aus den fünf großen Kellerräumen, damit auch immer genug für die Spendenempfänger greifbar ist.

Spenden aus allen Ecken des Landes

Sowohl Firmen als auch Privatpersonen können für die Tiertafel spenden. Es werden Sach- und Geldspenden – z. B. über ein Spendenkonto oder per Paypal – angenommen. Für Firmenspenden fahren die ehrenamtlichen Mitarbeiter etwa einmal die Woche verschiedene Standorte in ganz Deutschland an. Die letzte Großspende (3 Tonnen Futter) wurde sogar extra aus Holland abgeholt. Spenden von Firmen seien laut Herrn Keisel für die Tiertafel häufig nicht kostenlos, stattdessen einige man sich auf einen Obulus, mit dem beide Seiten leben können. Nassfutter für Katzen stelle in der Regel eher Mangelware in der Tiertafel dar, Trockenfutter – weil preiswerter und einfacher im Umgang – würde häufiger gespendet.

Überhaupt seien Katzenhalter in der Tiertafel Gelsenkirchen häufiger Kunden, aber auch Hunde- und Kleintierhalter kommen her. Exotenhalter seien derzeit nicht als Kunden vertreten.

Zwei Schreibtische im Mittelpunkt

Als wir den nächsten Raum – die Anmeldung – betreten, wird es gleich noch ein wenig wuseliger. An zwei Schreibtischen sind zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen damit beschäftigt, die Kundenanmeldung abzuwickeln. Auch die Buchhaltung und Bezahlung der abgegebenen Spenden wird hier durch sie erledigt. Denn die Spendenabgabe an die Kunden erfolgt nicht kostenlos: 2,50-5,00€ Spende für Zubehör und 1€ Spende für die wöchentliche Futterration für ein Tier kommen in die Kasse der Tiertafel.

Herr Keisel erklärt uns, dass die Kunden diesen kleinen Betrag gerne geben. Einerseits, weil ihnen bewusst ist, dass davon auch andere bedürftige Tierhalter profitieren – andererseits, weil dies auch eine Art Wertschätzung für die Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter ausdrückt. Mit dem Kommentar "Ich bin so froh, dass es euch gibt!" wird uns das direkt von einer Kundin bestätigt. Das Geld für Ausgaben wie den Futterankauf oder Unterstützung bei medizinischen Notfällen komme laut Herrn Keisel allein aus der Kasse der Tiertafel. Medizinische Notfälle aus dem Stammkundenkreis – so erfahren wir – werden erst nach genauer Prüfung und unter Abwägung der Dringlichkeit unterstützt.

Ordnung muss sein

Durch die Anmeldung müssen Stammkunden genau so wie Neukunden. Wer zum ersten Mal hier ist, legt einen aktuellen Bescheid über seine finanziellen Einkünfte vor. Name, Anzahl der Tiere und Kundennummer werden dann auf einen sogenannten "Laufzettel" eingetragen. Auf diesem Zettel wird zukünftig bei jedem Besuch notiert, welche Art von Spenden der Kunde erhalten hat. Der gezahlte Betrag wird vom Kunden durch seine Unterschrift bestätigt. Ordnung muss sein, denn auch das Finanzamt muss jederzeit die Geldein- und -ausgänge kontrollieren können. Damit die Abwicklung bei Stammkunden schneller geht, erhalten diese eine Kundenkarte im Scheckkartenformat mit den wichtigsten Angaben.

Kunde kann hier Jeder werden, der mit wenig Geld auskommen muss: SGB-2-Empfänger ("Hartz-4-Empfänger"), Rentner, Azubis, Studenten, Obdachlose und Geringverdiener. Eine bunte Mischung also. Hinter der gelsenkirchener Tiertafel steht der 2004 gegründete gemeinnützige Verein "Pfotenverband e. V.". Dieser betreibt unter Anderem die "Sapica Rescue" Auffangstation in Serbien und arbeitet mit ansässigen Vereinen wie den Straßenkatzen Wesel e. V. oder dem Gnadenhof "Tierschutzhof im Ruhrtal e.V." in Bochum zusammen. Von der Idee einer Tiertafel bis zur Eröffnung in Gelsenkirchen hat es gerade einmal zwei Monate gedauert.

Das jüngste ehrenamtliche Mitglied, Lisa (11 Jahre) betritt die Anmeldung, begrüßt uns und schnappt sich Unterlagen, um diese einen Raum weiter zur Spendenausgabe zu bringen. Wir folgen ihr.

Graffitis und grinsende Mitarbeiter

Die Spendenausgabe besteht aus einem großen Raum mit Tiergrafitti und Regalen an der Wand. Ein großer Tresen teilt den Raum in zwei Hälften. Hinter dem Tresen stehen drei Ehrenamtliche, kontrollieren Laufzettel und geben den Kunden die bezahlten Futterrationen und Leckerchen. Auch hier werden wir wieder herzlich empfangen – auch, wenn wir manchmal im Weg stehen ;) An der Rückwand des Raums stehen zwei große Metallregale. Sie sind gefüllt mit Säckchen voller Trockenfutter für Hunde und Katzen – fein säuberlich abgepackt in 500g-Portionen. Direkt daneben stehen zahlreiche Kartons mit Katzennassfutter, aufgetürmt bis auf Schulterhöhe. Unterm Tresen und nur sichtbar für die Ehrenamtlichen befinden sich Nassfutterdosen und ein riesiger Behälter mit Katzenleckerchen.

Die Dosen werden laut Herrn Keisel nicht nur aus platztechnischen Gründen dort gelagert, sondern auch noch aus einem anderen Grund: so soll vermieden werden, dass Kunden bestimmte Markendosen nachfragen. Denn hier bekommt Jeder das, was gerade da ist. Ein gesetzlicher Anspruch auf Spenden besteht ohnehin nicht.

Andrang bei den Abgabeterminen

Abgabetermine sind derzeit Samstags von 10-13 Uhr. Dann verbringen elf ehrenamtliche Mitarbeiter wieder ihre Freizeit damit, finanziell schwachen Tierhaltern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ab Anfang Februar öffnet die Tiertafel Gelsenkirchen aber auch Freitags ihre Pfoten. Denn der Andrang ist groß: auch ohne Werbung gab es seit der Eröffnung Anfang Dezember bereits 55 Neukunden. Weil in Gelsenkirchen viele Bedürftige wohnen, werde sich die Zahl in den kommenden Wochen wohl drastisch erhöhen, vermutet Keisel. Da er selbst hauptberuflich als Tierrettungssanitäter im Ruhrgebiet unterwegs ist, kann er die Situation gut einschätzen.



Nach knapp einer Dreiviertelstunde und voller neuer Eindrücke verabschieden wir uns von Herrn Keisel und danken ihm für den interessanten Einblick. Und ich bin mal wieder beeindruckt, was ehrenamtliche Mitarbeiter mit einem Herz voller Tierliebe in ihrer Freizeit so alles leisten. Hut ab und "Danke" für euren Einsatz!

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Miriam Knischewski

Über Miriam


Miriam ist 36 Jahre alt und lebt seit 18 Jahren mit Katzen zusammen. Vor zehn Jahren begann sie, ihr Wissen über artgerechte Katzenhaltung durch die Recherche in verschiedenster Fach-Lektüre zu erweitern. Mit jeder Menge Neugier und (Galgen-)Humor teilt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen Interessierten. Nebenbei hat sie bereits ein Buch veröffentlicht, gibt Seminare zur Rohfütterung und hält Vorträge über verschiedene Aspekte der artgerechten Katzenhaltung. Himbeeren und Sushi machen ihr das Leben mit ihren zwei pelzigen Sklaventreiberinnen erträglicher.

Vielen Dank für das Ausdrucken dieser Seite. Weiterführende Infos zum Thema, aber auch viele andere interessante und wichtige Themen findest du auf www.Katzen-fieber.de. Bitte beachte, dass auch die Bilder, Texte und Grafiken dieser Druckversion dem Urheberrecht unterliegen. Jegliche Weiterveröffentlichung ist untersagt. Das Zitieren der Texte ist nur mit Erlaubnis und Link zur Quelle erlaubt.

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