01.Dezember 2017 18:00 Uhr Barf-Tagebuch 3

“Fertigbarf”? – Nein, danke!

Lesezeit ca.: 7 Min., 13 Sek.

In regelmäßigen Abständen bekomme ich Leserfragen, ob und welches Fertigbarf genau ich empfehlen könne oder was ich generell davon halte. Ich muss sagen, dass ich solche Fragen ebenso wie die nach anderem Fertigfutter wirklich schwierig zu beantworten finde. Denn es ist meiner Meinung nach vor allem abhängig von den eigenen Prioritäten, dem eigenen Wissen und den eigenen Beweggründen, sich für oder gegen etwas zu entscheiden. Ich bin ohnehin kein Mensch, der Anderen Fertigfutter vorsagen oder – noch schlimmer – vorschreiben möchte, welches denn genau "gut und richtig" zu sein hätte. Es gibt bei rohen Fertigprodukten fast identische Knackpunkte wie auch bei allen anderen Fertigfuttern. Darüber hinaus sind mir aber auch noch weitere Punkte bei der Beantwortung der Frage "Fertigbarf – ja oder nein?" wichtig. Da ich meine Gedanken etwas ausführen möchte und die Frage ohnehin alle paar Tage beantworte, kann ichs auch gleich öffentlich schreiben ;)

Warum überhaupt roh füttern?

Mittlerweile wird die Rohfütterung an vielen Stellen beworben. Es hat sich ein großer Geschäftszweig entwickelt und viele Firmen sind auf den Zug aufgesprungen. Doch statt blind Werbeversprechen und Lobpreisungen zu folgen, sollten wir uns fragen, welche Vorteile wir uns wirklich von der Rohfütterung erhoffen. Und welche davon sich mit Fertigbarf realistisch gesehen erreichen lassen.

Rohfütterung als Trend und Religion

In den letzten Jahren haben immer mehr Nahrungsergänzungen und rohe Einzelkomponenten Einzug in die Regale der Zoogeschäfte erhalten. Man kommt bei der Shoppingtour für die Katze kaum noch darum herum. Entsprechend kommen auch immer mehr Halter mit dem Thema der Rohfütterung in Berührung. Die Neugier wächst. Wenn dann noch völlig begeisterte Schilderungen anderer Halter hinzukommen, ist der Wunsch groß, es selbst einmal auszuprobieren.

Nicht selten werden auch Stimmen laut, die Rohfütterung wäre für die Katze "das Allerbeste und einzig Wahre". Wer da nicht mitmacht, hat keine Ahnung und füttert seine Katze ungesund. Und das möchte schließlich Keiner. So eine Art Gruppenzwang quasi.

Betrachten wir das Ganze nüchtern, bleibt zu sagen, dass die Rohfütterung sicherlich viele Vorteile bringt. Sie kann eine tolle und gesunde Ernährungsweise für die Katze sein. Sie bringt aber auch Nachteile mit sich und ist bei Weitem nichts für jeden Halter und jede Katze.

Ob wir die Mahlzeiten selbst zusammenstellen oder fertige Menüs kaufen: wir müssen wissen, was wir tun. Denn längst nicht alle Menüs enthalten auch wirklich alles, was die Katze braucht. Wer dann nicht weiss, was fehlt und wie man es ergänzt, macht schnell unnötige Fehler. Und bevor wir der Katze "halbe Sachen" vorsetzen, sollten wir beim guten Nass-Alleinfuttermittel bleiben.

Wenn die Marketingabteilung nett herüberwinkt

Werbetexte möchten uns alles mögliche einreden. Ob Futter in Lebensmittelqualität, Rundum-Sorglos-Menüs oder der Verzicht auf angeblich minderwertige Innereien: das alles klingt zwar exquisit, ist aber meist nicht mehr als inhaltsloses Blabla. Wer von der Rohfütterung wenig Ahnung hat, lässt sich davon allerdings schnell einlullen. Und kauft überteuertes Futter, das nicht hält, was es verspricht. Wer genug Ahnung hat, kann über solche Floskeln nur müde lächeln und das Futter gleich ganz selbst machen.

Gesundheitliche Aspekte

Rohfütterung wird oft als "gesund" angepriesen. Kranke, unverträgliche und allergische Tiere können davon profitieren. Die Rohfütterung ist aber bei Weitem kein Garant dafür, dass die Katze ihr Leben lang gesund bleibt.

Um die allergische oder kranke Katze mit einer gesunden und individuellen Ernährung zu helfen, müssen die einzelnen Nahrungskomponenten bekannt sein und angepasst werden können. Dies ist mit fertigen Menüs – ob gekocht oder roh – nicht möglich. Auch eine Ausschlussdiät ist damit widersinnig. Da fast alle Fertigmenüs zudem fein gewolft sind, ist auch ein Zahnreinigungseffekt gleich Null.

Einen möglichen gesundheitlichen Vorteil durch rohes "unverfälschtes" Futter bieten jedoch auch Fertigmenüs. In aller Regel wird auch auf synthethische Zusatzstoffe verzichtet.

Misstrauen und Selbstbestimmung: Kontrolle bei der Rohfütterung

Viele Halter entscheiden sich für die Rohfütterung, weil sie selbst die Qualität der Rohstoffe und die Zusammensetzung der Mahlzeiten bestimmen wollen. Sie sind den Futtermittelherstellern gegenüber misstrauisch und wollen ihrer Katze genau das bieten, was ihr schmeckt. Es versteht sich von selbst, dass dies mit fertigen rohen Menüs nicht zu erreichen ist. Auch hier müssen wir als Verbraucher wieder dem Hersteller, seinem Wissen und seinen Geschäftspraktiken vertrauen. Wir müssen uns darauf verlassen, dass er Entscheidungen trifft, die wir uns unter Umständen nicht zutrauen.

Der "Naturnah und artgerecht"-Gedanke

Viele Halter sind der Rohfütterung zugetan, weil "roh" nunmal der ursprünglichen Ernährungsweise der Katze entspricht. Damit hat sie Jahrtausende lang gelebt und sich prächtig entwickelt. Warum dann heute etwas daran ändern?

Innerhalb der Rohfütterung gibt es verschiedene Konzepte: entweder orientieren wir uns am Beutetier, an offiziell veröffentlichten Bedarfswerten oder wir füttern die Katze gleich mit kleinen Futtertieren. Viele Halter – so auch ich – stellen den Speiseplan ihrer Katzen aus all diesen Konzepten zusammen. Denn sie alle haben ihre individuellen Vor- und Nachteile.

Fertigmenüs werden nach Bedarfswerten oder Beutetierprinzip zusammengestellt. Und zwar danach, was der Hersteller darunter versteht. Ob eine Fütterung nach Bedarfswerten "naturnah" ist, ist ebenfalls eine interessante Frage. Viele werden diese Frage wohl eher mit einem "Nein" beantworten.

Fertigmenüs vs. Nassfutter

Wenn es um die Frage geht, ob rohe Fertigmenüs "besser" oder "genau so gut" wie Nassfutter sind, kann man wohl sagen: sie unterscheiden sich nur in zwei Punkten. Einerseits sind sie roh, andererseits verzichten sie häufig auf synthethische Zusätze. Da das Kochen Aminosäuren, Proteine und Nährstoffe verändert und unter Umständen ihre Aufnahme/Verstoffwechselung im Katzenkörper beeinträchtigt, ist "roh" nicht nur allein eine Beschreibung des Zustands der verfütterten Komponenten. Es kann auch etwas über die Qualität als Futter und seine Wertigkeit für die Katze aussagen.

Ob es Fertigmenüs damit automatisch "besser" als Nassfutter macht, sollte Jeder getrost für sich selbst beantworten.

Denn die fehlende Kontrolle und das fehlende Wissen über die genauen Inhaltsstoffe und ihre Mengen sind auch hier gegeben. Auch hier muss ich vertrauen, dass der Hersteller Ahnung hat und durchdachte Entscheidungen trifft.

Mein Fazit zu "Fertigbarf"

Wer roh füttern möchte, weil er Wert auf die Eigenschaft "roh" legt, ist sicherlich mit gut ausgewähltem Fertigbarf gut bedient. Um gut auswählen zu können, muss aber grundlegendes Wissen vorhanden sein. In aller Regel können wir dann jedoch einen Schritt weiter gehen und alles selbst machen. Wer diesen Schritt aus Unsicherheit scheut, kann getrost bei gutem Nass-Alleinfuttermittel bleiben.

Rohe Fertigmenüs sind eine sehr teure Art, die Katze zu ernähren. Sie bieten – wie auch andere Fertigfutter – keinerlei Kontrolle und nur eingeschränktes Wissen, was wir genau verfüttern. Nicht wenige Vorteile, die die Rohfütterung an sich bieten könnte, werden durch den Griff zu Fertigbarf ausgehebelt. Allerdings verliert sich auch so mancher Nachteil: wir geben die Verantwortung auch hier ab und müssen uns nicht detailliert mit der Ernährungsweise auseinander setzen.

Die Frage ist wohl, ob für uns und unsere Katze bei der Abwägung von Vor- und Nachteilen dann noch etwas Positives herauskommt.

Und was ist mit "Fertig-Pulvern"?

Neben fertigen Menüs sind auch Komplettpulver auf dem Markt, die die Rohfütterung erleichtern sollen. Sie werden zu rohem Fleisch gemischt und sollen alle wichtigen Nährstoffe ergänzen. Dies trifft jedoch nicht immer zu. Wissen ist also auch hier wichtig, um nichts falsch zu machen. Die Nachteile von fehlender Selbstbestimmung und häufig auch fehlendem Wissen über die genaue Zusammensetzung sind auch hier gegeben. Eine Anpassung für kranke Katzen kann nur mit den vereinzelt erhältlichen Spezialpräparaten erfolgen. Eine Ausschlussdiät mit solchen Komplettpulvern ist nicht sinnvoll.

Wir können damit allerdings auf den Geschmack der Katze – sofern ihr das Pulver schmeckt – eingehen und ihr zur Zahnreinigung große Brocken Fleisch anbieten. Ob Knochen zum Knabbern beim jeweiligen Produkt erlaubt sind, ist individuell. Es werden in fast allen Fällen synthethische Zusatzstoffe verwendet.

Für mich sind sie – je nach Produkt – eine bessere Alternative zu gutem Nassfutter als Fertigmenüs. Wir haben hier mehr Möglichkeiten der Individualisierung und können damit von – nicht allen aber doch – mehr Vorteilen der Rohfütterung profitieren.

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Über Miriam


Miriam ist 34 Jahre alt und lebt seit 16 Jahren mit Katzen zusammen. Vor acht Jahren begann sie, ihr Wissen über artgerechte Katzenhaltung durch die Recherche in verschiedenster Fach-Lektüre zu erweitern. Mit jeder Menge Neugier und (Galgen-)Humor teilt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen Interessierten. Nebenbei hat sie bereits ein Buch veröffentlicht, gibt Seminare zur Rohfütterung und hält Vorträge über verschiedene Aspekte der artgerechten Katzenhaltung.

Himbeeren und Sushi machen ihr das Leben mit ihren drei pelzigen Sklaventreiberinnen erträglicher.


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bisher wurden 3 Kommentare zum Artikel geschrieben:

  1. Hallo Miriam,

    welche Fertigpulver könntest du da empfehlen, um etwas Abwechslung hinsichtlich der Zusammensetzung des eigenen “Fertigmenüs” hineinzubringen?

    Liebe Grüße,
    Anna

    • Huhu Anna!
      Solche Komplettpulver sind ja nur was zur Zumischung zu reinem Fleisch und nicht zu irgendwelchen "halbfertigen" Menüs. Ich persönlich denke, dass Felini Complete, TC Premix und easy barf wohl die Präparate sind, die ich noch am ehesten empfehlen würde.

Schreib mir, was du darüber denkst







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