22.Juli 2016 18:00 Uhr Meinung & Tipps 7

Vom nassen Handtuch und dem Hitzestau

Kater Muffin mit angefeuchtetem Geschirrtuch

Lesezeit ca.: 8 Min., 1 second

Wie jedes Jahr im Sommer wirds auch in diesen Monaten wieder warm, teilweise sogar ordentlich heiss. Und das nicht nur draußen und in der Wohnung, sondern auch – den Eindruck kann man teilweise gewinnen – in so manchem Oberstübchen. Denn wie in den Sommermonaten in den letzten Jahren auch, werden hitzige Diskussionen über das Thema "Hitzestau durch nasses Handtuch" geführt, die abstrusesten Theorien ausgegraben, Beleidigungen um sich geworfen und gezickt. Dabei scheint die persönliche Ebene weitaus schneller erreicht zu sein als sachliche Argumente für oder gegen diese Aussage gefunden werden können. Das finde ich schade und es erschreckt mich, wie viele Tierhalter mit dieser Behauptung regelrecht in die Panik getrieben werden. Auch ich habe für den "Hitzetipps"-Artikel schon entsprechende Kommentare erhalten.

Darum möchte ich die ganze Sache einmal etwas "unemotional" und logisch angehen und beleuchten, was für oder gegen diese Behauptung spricht, damit sich interessierte Leser fernab von "hab ich aber mal so gelesen" und "wird schon stimmen" ein eigenes Bild machen können.

Eigenschaften von Baumwolle und textilem Gewebe

Wenn wir ganz am Anfang anfangen, müssen wir wohl alle zugeben, dass Handtücher eigentlich immer aus Naturfasern bestehen: Baumwolle, um genau zu sein. Manche von uns Haltern nutzen zur Abkühlung auch Geschirrtücher. Manche davon sind aus Leinen. Beide Naturfasern haben die Eigenschaft luftdurchlässig, feuchtigkeitsaufsaugend und atmungsaktiv zu sein. Denn das sind nicht nur Gewebe, die durch chemische Verfahren extra diese Eigenschaft erhalten haben. Manche textilen Fasern sind das von Natur aus.

Nicht umsonst werden Handtücher, Unterwäsche und alles, was auf der Haut aufliegt und/oder zum Abtrocknen dienen soll, in der Regel aus Baumwolle oder Leinen hergestellt. Jeder, der mindestens einmal Schlüppis aus Baumwolle getragen hat, weiss, dass man in ihnen – im Gegensatz zu künstlichen Fasern wie Polyester – nicht so sehr schwitzt und die Feuchtigkeit auch nicht so sehr auf der Haut klebt. Die Feuchtigkeit wird bis zu einem gewissen Punkt vom Stoff aufgenommen.

Handtücher, Geschirrtücher und alle anderen textilen Gewebe werden auf bestimmte Art und Weise zu Stoff verwebt. In der Regel liegen dabei verschiedene Fasern rechtwinklig aufeinander, sodass der Stoff letztlich aus vielen, winzigen "Quadraten" besteht. Diese "Quadrate" lassen zusätzlich Luft hindurch. Sie sind nicht komplett dicht, wie es etwa Plastik wäre. Zusätzlich dazu kommen bei Handtüchern noch winzige kleine – ebenfalls luftdurchlässige – Faserschlingen hinzu, die dem Handtuch den Frotteelook geben.

Auch ein nasses Handtuch, dessen Fasern dicker werden und die Zwischenräume in den "Quadraten" und Schlingen verengen, ist nicht komplett abgedichtet und luftundurchlässig. Und so kann nicht nur die Luft hindurch, sondern nimmt mit sich auch die Wärme. An sich ist Baumwolle schon temperaturausgleichend. Die verdunstende Feuchtigkeit des Handtuchs kühlt noch zusätzlich etwas.

"… aber das Handtuch wird doch warm!?"

Das ist wohl das häufigste "Argument", das für die "Hitzestau-Theorie" angeführt wird. Und natürlich trifft dies zu: (fast) alle Materialien erwärmen sich bei längerem Kontakt mit (Körper-) Wärme und kühlen ab, wenn sie mit Kälte in Berührung kommen. Diese schlichte Tatsache bedeutet aber nicht auch gleichzeitig zwangsläufig, dass dann ein Hitzestau entstehen muss. Das kann so sein, muss aber nicht. Bei bestimmten Materialien trifft dies durchaus zu: Plastik, Beton, Metall, Glas. All diese Materialien sind eben nicht luftdurchlässig, zudem erhitzen sie sich extrem bei z.B. Sonneneinstrahlung.

Auf Baumwolle trifft dies aber eben gerade nicht zu. Sie wird selbstverständlich durch Körperwärme und Hitzeeinstrahlung warm und die Feuchtigkeit eines nassen Handtuchs direkt auf der Haut wird zusätzlich auch noch warm. Insgesamt kann das schon unangenehm klatschnass sein und sich sehr warm anfühlen. Aber "Wärme" ist nicht zwingend auch gleich "Hitzestau", genauso wenig wie "Kälte" nicht immer auch "Erfrieren" bedeutet. Dazu gehört etwas mehr. Nämlich, dass die Wärme keinen Weg findet, zu entweichen. Ein nasses Handtuch aus Baumwolle lässt zwar definitiv weniger Luft und Wärme hindurch als ein trockenes, es ist aber trotzdem nicht undurchdringlich für Luft und Wärme. Und da wir der Katze das Tuch nur locker über einen Teil ihres Körpers werfen und sie nicht am ganzen Körper enganliegend damit einwickeln und dann in Plastik einpacken, kann die Luft und Wärme entweichen und auch verdunsten.

"… man soll keine nassen Handtücher auf einen Hitzeschlag-Patienten legen!?"

Das ist vollkommen richtig, hat aber einen gänzlich anderen Grund als den, dass sich vielleicht Hitze unter dem Tuch stauen könnte. Es geht dabei vielmehr darum, dass nasse Tücher – werden sie zu lang aufgelegt – den geschwächten Patienten zu sehr und zu schnell herunterkühlen könnten. Dies trifft übrigens auch auf die Erstversorgung großflächiger Verbrennungen zu. In gewissen Situationen ist der Körper nicht mehr in der Lage, die Körpertemperatur selbst im großen Maße zu regeln. Da kann eine Einwirkung von außen fatale Folgen haben.

"… Katzen sind da ganz anders als Menschen!?"

Richtig. Genau dieses Argument kehrt sich aber bei genauerer Betrachtung eher in ein Argument um, das gegen die "Hitzestau-Theorie" spricht. Der Großteil der Katzen und Hunde haben Fell. Zudem haben sie nicht so wie wir Menschen Schweißdrüsen am ganzen Körper. Das bedeutet, dass zum Einen Schweiß auf der Haut (und ins Tuch geschwitzt) nicht dazu beitragen könnte, dass ein nasses Handtuch auf der Haut klebt und so die Luftdurchlässigkeit eines textilen Gewebes einschränken könnte. Und zum Anderen auch, dass durch den Lufteinschluss im Fell und die "Fluffigkeit" des Fells das Tuch nicht direkt auf der Haut aufliegt und eventuell den Luft-/Wärmeaustausch verhindern könnte.

Und letztlich ist das banalste Argument sicherlich das auch Logischste: Katzen und Hunde sind Lebewesen, die einerseits nicht dumm und andererseits beweglich sind. Hat Hund oder Katze keinen Bock mehr oder würde es tatsächlich zu warm werden, wird ein Tier, das sich bewegen kann, dies auch tun. Wir alle wissen, dass die Vorfahren unserer Katzen Wüstenbewohner waren und unsere heutigen Katzen scheinbar immer noch eine Vorliebe für Wärme haben. Sie liegen selbst in der knalligsten Sonne und scheinen sich wohl zu fühlen. Wer genug hat, geht einfach. Dies ist der Katze auch mit einem leicht übergeworfenen Tuch möglich.

"… aber es gab doch mal diese Foltermethode mit dem nassen Handtuch!?"

Diese Aussage habe ich in den letzten Tagen gelesen. Und sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig Menschen von dem verstehen, was sie lesen oder aus dem Geschehen um sich herum aufnehmen. Das sogenannte "Waterboarding" (so heisst die Methode nämlich) ist eine Foltermethode. Sie soll in jüngerer Zeit beispielsweise in den Lagern von Guantanamo-Bay eingesetzt worden sein. Dabei wird dem Gefolterten ein Tuch über Nase und Mund gelegt und anschließend Wasser über das Gesicht geschüttet. Dabei hat der Gefolterte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und zu ersticken. Es geht hier also nicht um den Hitzestau, den Jemand erleiden soll, sondern um die Simulation des Ertrinkens – nach meinem Kenntnisstand passiert das aber tatsächlich in der Regel eher nicht.

"Vergleich Wadenwickel"

Ich denke, viele von uns kennen Wadenwickel. Um Fieber zu senken, werden feuchte Tücher um die Waden gewickelt – natürlich nicht eisigkalt, denn das könnte zu einem Schock und einem extremen Absinken der Körpertemperatur führen. Diese Methode wird – vor allem bei Kindern – oft und schon recht lang angewendet. Würde ein nasses Tuch dazu führen, dass sich Hitze staut, könnte man mit der exakt selben Methode nicht die Körpertemperatur senken. Wie auch beim Wadenwickeln legen wir der Katze das Tuch nur auf Teile des Körpers auf, im Gegensatz zum Wadenwickel liegt es dabei aber eben nicht eng umwickelt auf der Haut.

"Selbstversuch"?

Macht den Selbstversuch: ihr könnt selbst durch ein nasses Handtuch hindurch atmen – nicht unbedingt sehr ausgiebig, aber ihr erstickt nicht (wenn euch nicht grad das Wasser in die Nase läuft ;) ) : Die Luft kann hindurch. Auch ein leicht feuchter Bademantel kommt bei manchen von uns nach dem Duschen oder Baden auf die Haut und bleibt dort seine Zeit. Auch hier erleiden wir keinen Hitzestau. Wer nicht selbst testen, aber etwas über einen Selbstversuch erfahren möchte, wird bei www.genkibulldog.de fündig.

Als persönlicher Nebensatz sei mir Folgendes erlaubt: als ich das Foto für diesen Artikel geschossen habe, ist Muffin mit dem nassen Tuch etwa eine Viertelstunde herumgelaufen. Als ich es ihm später abgenommen habe, war sein Fell runtergekühlt und eben nicht erwärmt.

.. Fazit?

Ich selber halte die Theorie "Hitzestau durch nasses Handtuch" ehrlich gesagt für sehr weit hergeholt – zumindest unter den Umständen, die gegeben sind, wenn wir unserer Katze für wenige Minuten ein leichtes Tuch um die Schultern werfen. Man muss sich dieser Meinung aber natürlich nicht anschließen, kann aber nach dem Text – denke ich – nachvollziehen, dass viele verschiedene Faktoren dafür sorgen, dass das Ganze doch etwas unwahrscheinlich ist. Wer dennoch ängstlich ist, legt das Tuch einfach unter die Katze oder streichelt ihr Fell bloß mit einem feuchten Waschlappen … aber macht bitte nicht anderen Tierhaltern Angst und Bange und verbreitet Panik ;)

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Über Miriam


Miriam ist 34 Jahre alt und lebt seit 16 Jahren mit Katzen zusammen. Vor acht Jahren begann sie, ihr Wissen über artgerechte Katzenhaltung durch die Recherche in verschiedenster Fach-Lektüre zu erweitern. Mit jeder Menge Neugier und (Galgen-)Humor teilt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen Interessierten. Nebenbei hat sie bereits ein Buch veröffentlicht, gibt Seminare zur Rohfütterung und hält Vorträge über verschiedene Aspekte der artgerechten Katzenhaltung.

Himbeeren und Sushi machen ihr das Leben mit ihren drei pelzigen Sklaventreiberinnen erträglicher.


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bisher wurden 6 Kommentare zum Artikel geschrieben:

  1. Schöner Beitrag. Um dem Thema nasses Handtuch noch einen weiteren sachlichen Punkt beizutragen …. das nasse bzw. feuchte Handtuch arbeitet nach dem selben Prinzip wie jeder Kühlschrank. Kann man sogar bei den Sachgeschichten von der Sendung mit der Maus nachschlagen. Es ist ein einfacher physikalischer Effekt. Das verdunstende Wasser braucht damit es verdunsten kann Energie. Diese entzieht es der Umgebung (hier der Katzenkörper und die umgebende Luft) in Form von Wärme. Das das Handtuch warm wird mit der Zeit ist normal und gewollt. Der Katzenkörper darunter und die nahe Luft darüber wird etwas herunter gekühlt. Sobald das Handtuch trocken ist, ist dieser Effekt aufgehoben. Dann muss man es erneut befeuchten. Der Kühlschrank ist hinten außen auch warm wegen diesem Verdunsten, nur das es beim Kühlschrank ein geschlossenes System ist und das verdunstende Wasser/Flüssigkeit aufgefangen wird und wieder zurück geführt wird.
    Schöne Sommertage noch.
    Annett

  2. Danke Miriam für dieser Beitrag.Meine Katzen, wie du auch schreibst, wissen selber wo in der Wohnung am kühlste ist und bis jetzt habe ich nie Probleme gehabt wenn ich achte dass zuhause mit den richtigen Massnahmen immer etwas 5 Grad kälter ist als draussen.
    Ich habe trotzdem alles von dir geschriebenen Artikel gelesen denn, mann weiss nie. Wenn ich in Italien gehe muss ich für alles vorbereitet sein. Dort gibt so viele arme Tiere das kein Zuhause haben und es ist gut wenn man ein “erste Hilfe” leisten kann.

  3. Unsere Mietze liebt es auf und unter einem feuchten Handtuch zu liegen, wenn es sehr warm ist. ganz nass mag sie es nicht. Und wir Zweibeiner finden ein feuchtes kaltes Tuch im Nacken ja auch eine tolle Abkühlung :)

  4. Meine Katzen lieben es unter dem Wäscheständer zu liegen, direkten Kontakt möchten sie nicht so umbedingt.
    Die Kühlmatte die ich für sie gekauft habe ignorieren sie aber auch.
    Auf dem Balkon suchen sie sich nach kurzer Zeit in der Sonne dann ein schattiges Plätzchen. Sie sind aber insgesamt sehr gern bei dem warmen Wetter auf dem Balkon, obwohl drinnen oft kühler ist.

  5. Das ganze Problem lässt sich sehr einfach lösen und dabei für die Katze noch angenehmer gestalten, da viele Katzen den Kontakt mit nassen Textilien auch gar nicht mögen.
    In unserer Dachgeschosswohnung wird es im Sommer immer schnell recht warm. Unsere Miezen bekommen dann den Wäscheständer ins Wohnzimmer gestellt und dieser wird mit nassen Handtüchern (große Badetücher) behangen. Drei Handtücher flächig reichen schon aus. Am besten sie hängen seitlich weit herunter.
    Die Katzen lieben es dort zu liegen, da es sehr schnell sehr deutlich kühler wird. Ich bin auch schon oft genug zu ihnen unter den Wäscheständer gekrabbelt um selbst die kühle Luft dort zu genießen :-D

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