Veröffentlicht am Donnerstag, 16.April 2015 um 19:40 Uhr
bearbeitet am 22.April 2016


Schwein

Schweinefleisch und das Aujeszky-Virus

Immer wieder wird vor der Verfütterung von (rohem) Schweinefleisch an die Katze und den Hund gewarnt. Viele Halter, die es dennoch verfüttern, werden regelrecht angefeindet, als "verantwortungslos" und "unwissend" betitelt und sehen sich regelrechten Shitstorms ausgesetzt. Doch was ist dran an der Parole "kein rohes Schwein für Katz und Hund"?

Der Aujeszky-Virus

Das Aujeszky-Virus ist ein weltweit vorkommender Erreger aus der "Herpes-Viren-Familie" [1,6,78,23]. Das Schwein ist der einzige natürliche Wirt [1] dieses Krankheitserregers. Als Endwirte dienen Menschen, Wiederkäuer (z.B. Rinder), die Katze und der Hund [2,6,23].

Das Virus wird bei Schweinen mithilfe verschiedener Untersuchungsmethoden in Blut und Gewebe nachgewiesen (z.B. Erregernachweis, Antikörpertest) [1,2]. Bei toten Tieren können zudem Anzeichen einer Infektion in vielen Fällen durch eine Sektion gefunden werden: so werden oft Hirn-, Hirnhautentzündungen, Entzündungen der Lymphknoten und/oder Gaumenentzündungen festgestellt [1]. Auch Zellveränderungen an Leber, Lunge, Milz und der Gebärmutter betroffener Tiere sind ebenfalls häufig zu finden [1].

Der Mensch ist resistent [2] gegen das Aujeszky-Virus und entwickelt keine Krankheitssymptome. Fleischfresser wie die Katze und der Hund stecken sich vor allem durch den Genuss von rohem Schweine- oder Wildschweinfleisch an [2,16,17,18,19,23]. Dabei ist wichtig zu wissen, dass auch das Fleisch äußerlich gesunder Tiere nicht zwangsläufig virusfrei sein muss und die Krankheit übertragen kann [2,23]. Auch durch Maul- bzw. Nasen-Kontakt zu infizierten Schweinen und durch Hautwunden können Katz und Hund sich anstecken [2,23].

Das Aujeszky-Virus ist bis zu 6 Wochen bei 25 Grad überlebensfähig, wird jedoch bei einer Erhitzung über 80Grad sofort inaktiviert [23].

Die aujetzkische Krankheit ("Pseudowut")

Die aujetzkische Krankheit bzw. die Infektion mit dem Aujeszky-Virus ist in Deutschland eine meldepflichtige Krankheit [1,2,9,23]. Ist ein Betrieb betroffen, so wird dies durch die zuständige Behörde öffentlich gemacht und der "Erzeuger" ist verpflichtet, gut sichtbare Hinweisschilder rund um seinen Betrieb anzubringen [4].

Bei Saugferkeln bis zum Alter von zwei Wochen verläuft eine Infektion innerhalb von 24-48 Stunden zu 100% tödlich [1,2,8,23]. Ältere Ferkel zeigen meist Symptome wie: Fieber, Abmagerung, Erbrechen, Krämpfe und Koordinationsschwierigkeiten [1,2,3,23]. Erwachsene Tiere zeigen meist keine Krankheitsanzeichen, können jedoch leichte grippeähnliche Symptome wie Niesen, Husten, leichtes Fieber oder Atemnot entwickeln [1,2,3,23]. Sie können auch latent – also äußerlich unentdeckt – infiziert sein. Bei trächtigen Säuen kommt es meist zu Fehl- oder Totgeburten [1,2,3,23].

Bei Katzen und Hunden verläuft eine Ansteckung innerhalb von 10-72 Stunden tödlich [2,6,23]. Es zeigen sich in dieser Zeit Symptome wie Fieber, Unruhe, neurologische Ausfallerscheinungen, Krämpfe, Muskelzuckungen und Speichelfluss [2,6]. Besonders starker Juckreiz tritt ebenfalls auf [2,6,23]. Diese Krankheit ist bei dem Endwirt Katze bzw. Hund nicht behandelbar!

gesetzliche Bestimmungen und Vorsichtsmaßnahmen in Deutschland

In Deutschland ist nur der Handel mit Tieren aus virusfreien Beständen erlaubt [4]. Dabei gilt ein Bestand als "virusfrei", wenn die gehaltenen Tiere keine Krankheitsanzeichen zeigen, alle ebenfalls aus virusfreien Beständen eingekauft wurden, keinen Kontakt zu nicht nachweisbar virusfreien Tieren (auch nicht zur Deckung) hatten und stichprobenartige Untersuchungen keine Ansteckung mit dem Aujeszky-Virus zeigen [4]. Betriebe mit Zucht- und/oder Masttieren müssen einmal im Jahr eine stichprobenartige Blutuntersuchung nach einem bestimmten Schlüssel (= Anzahl der getesteten Tiere, siehe [4]) vornehmen, um den Status "virusfrei" aufrecht erhalten zu können [4,6,7,8,23].

Besteht in einem Betrieb der Verdacht oder ein nachweisbarer Befall mit dem Aujeszky-Virus, so sind weitreichende Sicherheits- und Hygienemaßnahmen einzuhalten: die zuständige Behörde muss benachrichtigt werden, Hinweisschilder müssen gut sichtbar aufgestellt werden und die Tiere dürfen den Betrieb nur noch zur Schlachtung verlassen [4]. Der Betrieb steht mindestens 3 Wochen unter Bewachung der zuständigen Behörde und muss alle Schweine vom restlichen Viehbestand absondern [4]. Die Ställe dürfen nur durch autorisierte Personen in Schutzkleidung (mit anschließender Desinfektion) betreten werden [4]. Zudem dürfen auch möglicherweise mit dem Virus in Kontakt gekommende Fahrzeuge, Gerätschaften, Dung, Einstreu und Futtermittel den Betrieb nicht verlassen.

Ist der Befall nachgewiesen, wird dies durch die zuständige Behörde öffentlich gemacht: alle Tiere werden getötet und "unschädlich" beseitigt [1,4,23] (Nein, sie landen nicht im Katzenfutter![24,25]). Es wird ein Sperrbezirk rund um den betroffenen Betrieb ausgerufen, in dem strenge Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen gelten [4].

Virusfreie Länder

Deutsche Haus-/Mastschweine sollen seit 2002/2003 frei vom Aujeszky-Virus [3,6,7] sein. Auch Tschechien, Dänemark, Zypern, die Slowakei, Finnland, Schweden, Holland, ein Großteil Frankreichs und England werden offiziell als "virusfrei" eingestuft [9] (betrifft nur Mast- und Hausschweine!). Auch Österreich gilt seit 1997 [26] amtlich anerkannt frei vom Virus bei Hausschweinen.

Aber die Katze darf doch kein rohes Schwein fressen!

Aufdruck einer Schweinefleisch-Verpackung

Alles sicher, oder was? Aufdruck einer Hackfleisch-Verpackung

Diese Aussage kann man weder pauschal bejahen, noch pauschal verwerfen. Stattdessen muss differenziert werden: zwischen Ländern, die offiziell als "virusfrei" gelten und welchen, bei denen dies nicht zutrifft. Wie bereits erwähnt, ist Deutschland – neben vielen anderen EU-Ländern – seit Jahren offiziell virusfrei. Seit April 2015 ist es zudem in Deutschland vorgeschrieben, auf den Verpackungen von Frisch- und Tiefkühlfleisch das Ursprungsland und den Ort der Schlachtung bei Schweine-, Lamm-, Geflügel- und Ziegenfleisch anzugeben [5]. Bei Rindfleisch ist dies – aufgrund des BSE-Skandals – bereits seit Jahren vorgeschrieben.

Wer also Fleisch bezieht, auf dem als Ursprungs- und Verarbeitungsort ein Land angegeben ist, das als virusfrei gilt, muss nicht unbedingt auf die Verfütterung von rohem Schweinefleisch verzichten. Schweinefleisch in Dosenfuttern ist sowieso komplett unbedenklich. Auch Barfer, die den "Bauern von nebenan" und seine Tiere bzw. deren Haltung und/oder die Herkunft ihres Fleisches genau kennen, müssen nicht zwangsläufig verzichten.

Aber Achtung: 100%ige Sicherheit kann es nie geben. Zum Einen zeigt nicht jedes infizierte Tier sichtbare Krankheitszeichen, zum Anderen werden nur Stichproben für die Untersuchung eines "virusfreien" Bestands durchgeführt und letztlich sind auch die Verpackungsaufdrucke nicht immer eindeutig. So ist es mit der neuen Verordnung von April diesen Jahres auch möglich, dass Fleisch aus anderen Herkunftsländern mit dem Vermerk "Deutschland" gekennzeichnet wird – nämlich dann, wenn mehrere Länder an der Herstellung beteiligt sind und in Deutschland nur eine letzte (umfangreiche) Be- oder Verarbeitung stattgefunden hat [5].

Fertigfutter mit Schwein

Sehr viele Fertigfutter enthalten Schweinefleisch: bei einigen wird es offen deklariert [10,11,12,13,14], bei vielen Fertigfuttern allerdings nicht [15]. Besonders hinter der Gruppendeklaration "Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse" verbergen sich oft Beimischungen vom Schwein. Dies ist jedoch nicht besorgniserregend: Dosenfutter bzw. Trockenfutter wird bei der Verarbeitung erhitzt, somit ist das Aujeszky-Virus abgetötet und kann der Katze nicht mehr schaden.

Barf: Ist der Virus auch nach dem Einfrieren noch problematisch für Hund und Katze?

Diese Frage scheidet die Geister – selbst Virologen sind sich hierüber nicht einig [27,28]. Schaut man sich Fachveröffentlichungen zum Virus an, so wird davon gesprochen, dass Erhitzen über 80 Grad und Temperaturen unter 18 Grad für mindestens 35-40 Tagen das Virus "inaktivieren" [23,30]. Das Ergebnis einer Untersuchung [29] zeigt, dass nach 35 Tagen bei einer Aufbewahrung unter -18 Grad keine Viren mehr gefunden wurden.

Eine Inaktivierung muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Erreger nicht mehr krank machen kann! Da jedoch sowohl bei der "Erhitzungs-Methode" als auch bei der "Einfrier-Methode" beide Male nur von "Inaktivierung" gesprochen wird und das Erhitzen gemeinhin als "sicher" gilt, kommen auf die Frage nur zwei mögliche Antworten in Frage: entweder ist beides gleichermaßen sicher, oder aber die Begriffe "inaktiviert" und "abgetötet" werden/wurden durch das Virologische Institut der Züricher Universität und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen vertauscht/verwechselt.

Insgesamt ist hier wohl zu sagen, dass derzeit keine verlässlichen und feststehenden Informationen zu finden sind.

Mit Erscheinen dieses Blog-Artikels hatte ich etwa zwei Dutzend verschiedene Institutionen per Mail um nähere Informationen und ihre Einschätzung zu diesem Thema gebeten. Heute – nach eineinhalb Monaten – kann folgende Bilanz gezogen werden: 2 Stellen teilten lediglich Vermutungen mit, knapp ein halbes Dutzend Stellen bat mich, mich an andere Institutionen zu wenden und der überwiegende Großteil hat gar nicht geantwortet. Es scheint also keine wirklich fundierten Antworten zu diesem Thema zu geben.

Warum überhaupt Schwein verfüttern?

Diese Frage lässt sich einfach beantworten: Schwein ist eine preiswerte Fleischquelle mit guter Proteinqualität [20,21,22]. Auch aus diesem Grunde wird es häufig in Fertigfutter eingesetzt.

Was ist mit Wildschweinfleisch?

Wildschwein

Bei Wildschwein finden keine Kontrollen über eine mögliche Ansteckung mit dem Aujeszky-Virus statt. Zahlreiche Vorfälle in den letzten Jahren zeigen, dass Wildschweine in Deutschland immer noch zu großen Teilen betroffen sein können [7,16,17,18,19].

Fazit?

Rohes Schweinefleisch muss für Katzen und Hunde nicht zwangsläufig problematisch sein. Vielmehr ist hier auf die Herkunft des Fleischs zu achten. Ein wenig Vertrauen gehört zur Verfütterung von rohem Schwein auch dazu: ganz sicher gehen kann man vermutlich nicht. Es verbleibt ein verschwindend geringes Restrisiko, das sich die Katze oder der Hund mit dem Virus ansteckt, so ist die Frage "Schwein oder nicht Schwein?" nur ganz individuell zu beantworten.

Schwein aus nicht nachweisbar virusfreien Ländern sollte möglichst nicht verfüttert werden, ebenso wenig sollte Wildschwein-Fleisch auf dem Speiseplan unserer Vierbeiner stehen. Gekochtes Schwein oder Wildschwein (also auch im Fertigfutter) ist gänzlich unproblematisch.

Quellen und weiterführende Infos:

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5 Kommentare - Hinterlasse eine Kratzmarkierung!

  1. Danke für den ausführlichen Bericht. Nun bin ichnicht mehr so verunsichert.
    LG Tina

  2. Schwein finden meine Katzen sehr lecker – auch wenn ich mich nicht traue dieses roh zu verfüttern – aber ich konnte dies über z.B. Bozita festellen, wo zumindest laut Deklaration der Anteil an Hühnchen und Schwein höher ist, als eben Rind.
    Sorten mit hohem Rindanteil brauche ich nicht kaufen, die werden erfahrungsgemäß verweigert – roh sieht das natürlich schon wieder anders aus.
    Eigentlich, so glaube ich, wäre rohes Schwein eigentlich vom Nährwert und dem Fettanteil ein sehr gutes Futter für die Katzen (die meisten mögen das auch), wenn man denn eine gute, einwandfreie Bezugsquelle für dieses Fleisch finden könnte und da hapert es bei mir leider an Vertrauen – dieser miese Aujeszky Virus.
    Aber gilt das mit diesem Virus nicht für sämtliches Wild, also auch Rehe, Hirsche usw.? Meine ich zumindest mal gelesen zu haben, wirklich wissen tue ich es nicht.

    LG, Angi

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