07.Oktober 2014 18:00 Uhr Fundstücke & andere Katzenhalter 2

Interview: Mein Leben als Pflegestelle

Katzen am Napf

Lesezeit ca.: 11 Min., 27 Sek.

Für das heutige Interview plaudert Nina vom Verein "Tierhilfe Schweinfurt Stadt und Land e.V." für uns aus dem Nähkästchen über ihr Leben als Pflegestelle. Ich durfte bereits viel über ihre Pflegekatzen lesen und wurde immer neugieriger, mehr über ihre Motivation, ihren Alltag und ihre Erlebnisse zu erfahren.




Wie kam es dazu, dass du PS bist und wie lange machst du das schon?
Nina: Es war im Sommer 2013. Ich habe von einer Freundin meines Freundes erfahren, dass deren Bekannte auf einem Bauernhof 4 Kitten vor dem ertränkt werden gerettet hat. An sich ja super, aber diese Bekannte wollte nur eines der Kitten behalten und als wäre das nicht schlimm genug den ganzen mutterlosen Wurf (die kleinen waren etwa 4 Wochen jung!) mit 6 Wochen auseinander reißen!

Da es in meiner Natur liegt, mich bei so etwas einzumischen habe ich mich über Facebook an die Tierhilfe Schweinfurt gewandt. ("die helfen ja Tieren" ;-) ). Auf meine sehr verzweifelte Privatnachricht hat sich dann die Vorsitzende gemeldet und mir Tipps gegeben, wie man (über Ecken) die Frau davon überzeugt den Wurf doch bitte bis Woche 12 beisammen zu lassen und bitte nicht in Wohnungseinzelhaltung vergibt.

Nach vielen Chats mit Katrin, der Vorsitzenden war mein Interesse für den Verein und die aktive Arbeit geweckt. Der Plan war erst nur bei Fangaktionen mitzumachen, habe ich dann sage und schreibe einmal :-) Zwei Monate später war ich dann von der Arbeit als Pflegestelle überzeugt und im August dann zogen meine ersten Katerkinder ein :-)
Der Wurf Kitten wurde übrigens doch zu früh auseinandergerissen, 2 Babies blieben allein, die anderen beiden durften zusammen bleiben :-( Da ich keine Adresse und nichts hatte konnte ich nur über Ecken beraten…..


Wie wird man PS?
Nina: Das ist sehr leicht: man macht einfach :-) Spaß: Man wendet sich an einen Tierschutzverein, dann wird man Mitglied (Vertrag!), einer der Vorsitzenden macht eine Vorkontrolle, berät und dann wenn alles passt kann es losgehen!

Katze schaut in die Kamera



Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Vorraussetzungen, wenn man PS werden will? Kann das Jeder?
Nina: Ich würde sagen, man muss auf jeden Fall Tiere (ob Katzen oder Hunde oder…) lieben. Man sollte bereit sein Zeit aufzuwenden (Tierarztfahrten, Zusammenführung wenn eigene Tiere im Haus sind…), sich nicht zu fein sein auch mal Kittenkacke aus dem Teppich zu entfernen ;-) und (wichtig!) bereit sein einem Pflegi bis zur Vermittlung ein Zuhause zu geben. Für Interessenten einer Pflegestelle gibt es vom Verein bei uns ein Infoblatt, da stehen dann natürlich mehr Punkte über die man sich im Klaren sein muss.

Ob das Jeder kann weiß ich nicht :-) Ich höre ja auch oft "ich könnte die Pflegis nie mehr hergeben, wie machst du das?". Man muss ein bisschen Abstand haben und eine Portion Vernunft. Mit jeder Katze die ich behalte, verschwindet ein Pflegeplatz und somit gibt es irgendwo ein totes Kitten mehr. Das hilft mir immer!

Mit welchem Verein arbeitest du zusammen und warum genau hast du dich für diesen entschieden?
Nina: Mit der Tierhilfe Schweinfurt Stadt und Land e.V. Einfach weil ich wie in der ersten Frage beschrieben drüber gestolpert bin ;-)

Gibt es bestimmte Tiere, die man in deine Obhut gibt?
Nina: Mit der Zeit hat sich tatsächlich herauskristallisiert, das mein Freund und ich besonders gut mit scheuen Kitten umgehen können- wir haben keine Kinder, drei eigene eher ruhige Katzen und die Fähigkeit die Kleinen einfach in Ruhe zu lassen (denn das brauchen scheue Kitten auf jeden Fall mehr als zahme!). Unsere jüngsten kamen mit 8-9 Wochen total verstört bei uns an und es hat 4 Wochen gedauert, bis wir sie anfassen konnten. Manchmal will man gar nicht wissen was die Kleinen so zerstört hat :-(
Die beschriebenen Kitten sind übrigens zu super Schmusern mutiert ;-)

Kitten liegen zusammen



Wie wirst du von deinem Verein bei deiner Arbeit unterstützt?
Nina: Tierarztkosten werden von den Spendengeldern von denen der Verein existiert (keine staatliche Unterstützung) getragen. Streu und Futter kann die Pflegestelle selbst zahlen, muss sie aber nicht. Ich selbst trage diese Kosten gerne selbst, die meisten anderen Pflegestellen meines Wissens auch. Man hat ja sowieso eigene Tiere, da wird mehr bestellt und gut is ;-)

Tierärzte haben wir mehrere, da unser "Wirkungskreis" 50km um Schweinfurt herum liegt. Hier hab ich das Glück, das meine Tierärztin auch Vereinstierärztin ist und man sich daher lange kennt ;-)

Gab es Vorkontrollen vor der ersten Vermittlung eines Tieres? Falls ja, was wurde überprüft?
Nina: In unserem Verein sind Vorkontrollen ein Muss. Viele Pflegestellen machen die VK selber, ich bis auf einmal auch. Das gibt einem ein sicheres Gefühl! Überprüft wird vieles. Angefangen bei der Größe der Wohnung / des Hauses über das Vorhandensein von genügend KaKlos, ist mindestens eine Katze vorhanden? (Einzelhaltung lehnen wir ab, außer in Einzelfällen, etwa erwachsene Freigänger) Sind Gefahrenquellen vorhanden? Etwa giftige Pflanzen, ungesicherter Balkon….

Ich selber schaue mir die Näpfe an; ich möchte das meine Pflegis immer gut versorgt sind und eben nicht als TroFu-Junkies enden ;-) Dann ist es immer wichtig "richtige Fragen" zu stellen. Junge Paare frage ich z.B. immer was passiert wenn sich getrennt wird und rate dann auch gerne zum Aufsetzen eines Vertrages untereinander. Das fällt mir spontan ein.
Auch die finanziellen Hintergründe kläre ich gerne an. Jungtiere werden gerne mal krank und ich will sicher gehen, dass "meine" Tiere ein Leben lang auch gesundheitlich versorgt werden können.

Klingt doof und ich meine natürlich nicht, dass ich nur an reiche Menschen vermittle ;-) aber sicher ist sicher!

Katzen



Wie läuft es ab, wenn du ein neues Pflegetier bekommst, bleibt es bis zur endgültigen Vermittlung bei dir?
Nina: Bislang sind alle Pflegis bis zur Vermittlung bei mir geblieben. Wie komme ich an Pflegis? Der Vorstand erhält einen Hilferuf und wir Pflegestellen werden wenn wir frei sind gefragt ob und wann und wie. Mal werden sie gebracht, mal hole ich selbst und einmal wurde mir morgens um 9 an einem Sonntag von einer Kollegin die nicht im Verein ist ein Kätzchen gebracht, welches natürlich auch vom Verein aufgenommen wurde und bei mir in Pflege blieb bis zum Umzug :) .
Die Planung dauert in der Regel echt nicht lange.

Kitten werden fast immer erst gefangen wenn auch eine PS vorhanden ist. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel (etwa ausgesetzte Flaschenkinder; da wird es notfalls eben mal eng auf einer der großen Pflegestellen).

Da mir das Wohl meiner eigenen Katzen sehr am Herzen liegt, separiere ich neue Pflegis 3 Wochen lang im Arbeitszimmer. Dort stehen dann 2 Klos, Näpfe, ein Kratzbaum, Spielzeug, Bettchen…. alles, was Kitten brauchen ;-) nach 3 Wochen lasse ich dann einen Bluttest auf ansteckende Katzenkrankheiten machen (Felv und FIV) und wenn dieser dann negativ ist arretiere ich ein bis zwei Tage lang die Tür. So können sich die Fellpopos gegenseitig beschnuppern und das senkt dann den Stresspegel auf beiden Seiten ;-)

Katze genießt Streicheleinheiten



Du kennst deine Pflegis in und auswendig. Hast du Einfluss auf die Auswahl der Interessenten wenn du meinst, dass es so gar nicht passt?
Nina: Aber Hallo ;-) den Fall hatte ich einmal. Mein Bauchgefühl hat absolut nicht gepasst und noch andere Faktoren. Klar, Ziel ist es zu vermitteln, jedoch soll es ja ein perfektes Zuhause für immer sein. Diese Ansicht teilt und stützt unser Verein auch. Deswegen gibt es ja auch Vor- und Nachkontrollen.

Wie lange bleiben die Tiere durchschnittlich bei dir?
Nina: *grübel* schnellste Vermittlung war nach 4 Wochen; langsamste nach knappen 3 Monaten glaube ich.

Haben deine Katzen Probleme mit den Neuankömmlingen? Wie gestaltest du die jeweiligen Zusammenführungen. Gehst du da immer gleich vor und schaust du, wie der Neuankömmling drauf ist und entscheidest individuell?
Nina: Naja, meine Katzen können ziemliche Fieslinge sein :) aber wirklich Probleme machen sie nicht. Ich nehme ja nur unter einem Jahr auf. Mit Amaru (ausgerechnet :-D ) hat es anfangs gut geknallt; der war eben auch schon fast 1 Jahr alt. Da ich ja normalerweise wie oben beschrieben vorgehe, haben alle Zeit zu schnuppern. Selbstverständlich machen die Großen den Kleinen immer erst ihre Rolle als "Bosse" klar :) aber aggressiv ist keiner.

Katzen kuscheln



Gab es auch schon Pflegis, die sich mit deinen Tieren so gar nicht verstanden haben?
Nina: Nein :) Da wird aber im Vorfeld vom Verein aus drauf geschaut. Anfänger wie ich bekommen eher Kitten in Pflege; da ist das Risiko einer Unverträglichkeit gleich Null.

Du behandelst deine Pflegis genau so liebevoll wie deine eigenen Tiere. Ist es nicht ungeheuer schwer, sich nach längerer Zeit wieder von einem Tier zu trennen, das man so lieb gewonnen hat?
Nina: Ja, jedes einzelne Mal heule ich. Mal mehr, mal weniger; aber ohne Tränen geht es nicht! Hier bin ich aber erneut mit Glück gesegnet weil ich mit allen neuen Dosis regelmäßig in Kontakt stehe, mit Fotos und Geschichten versorgt werde und so weiß das ich alles richtig gemacht habe!

Jeder gut vermittelte Pflegi macht Platz für eine arme kleine Seele da draußen. Ganz, ganz wichtiger Denkansatz!

Katze wird gekrault



Stichwort "Pflegestellenversager" :D Auch du bist mit Amaru zum PSV geworden. Wie kam es, dass du gerade bei ihm schwach geworden bist?
Nina: Amaru war bislang unser schwierigster Fall. Der hübsche blaue Kater kam von einer PS mit mehr Tieren extrem scheu zu uns. Da der Verein der Ansicht war, Amaru habe bei uns mehr Chancen zutraulich zu werden da ein ruhigeres Umfeld gegeben war (zu dem Zeitpunkt gab es nur Philipp, mich, Marla und Neo) haben wir ihn Ende April diesen Jahres bekommen.

Der Kater hat die ersten 2 Monate nur unterm Sofa gelebt, Anfassen war fast unmöglich! Vor lauter Angst vor uns und auch Marla (die echt eine miese Zicke sein kann, die gerne mal mobbt wenn keine Gegenwehr kommt) wurde Amaru auch noch unsauber. Aber aufgeben ging nicht. Kurz davor waren wir zwar mal, es tat weh ihn so unglücklich zu sehen. Eines Tages habe ich aus Verzweiflung diesen Pheromonstecker Feliway bestellt und innerhalb von Stunden kam Amaru für immer länger werdende Zeitspannen aus seinem Versteck.

Dann ging alles echt rasant. Er wurde uns gegenüber immer zutraulicher, sogar an Bauch und Kopf durften wir ihn streicheln :) Eines Tages haben mein Freund und ich Amaru zusammen gekuschelt, uns angesehen und gleichzeitig "Nee…. Er bleibt!" gesagt. Schutzgebühr überwiesen, Vertrag ausgefüllt und er war unser Prinz ;-) Noch einen Umzug nach diesem Kampf konnten und wollten wir dem hübschen Baby nicht zumuten!

Mit Neo hat Amaru sich auch immer gut verstanden und die Option nach Tangos Tod einen zweiten Kater für Neo zu adoptieren stand uns ja auch offen. (praktisch, wenn man PS ist und "ausprobieren" kann ) Das sollte ich hier auch noch erwähnen ;-) Marla lässt sich übrigens immer öfter mit Amaru auf dem Schrank kuschelnd erwischen ;-)

Amaru spielt



Du hast momentan wieder zwei Kitten in Pflege. Ist es schwierig, sich auf jedes Tier neu einzustellen?
Nina: Nein, null. Das passiert einfach und ich persönlich betrachte es wie ein Geschenk, was hübsch verpackt zu einem kommt. Nur das man dieses Geschenk (wie in Amarus Fall) schichtenweise auspackt; immer etwas Neues, Eigenes entdeckt. Zumal man nach kurzer Zeit merkt wie die eigenen Tiere ticken ;-) Das schien mir anfangs ein bisschen "schwierig". Vor Eifersucht hatte ich ein bisschen Angst aber auch das hat sich schnell zerschlagen.



Was waren deine schönsten Momente als Pflegestelle? Hast du auch schon weniger schöne Geschichten erlebt?
Nina: Eigentlich nur schöne Momente. Der schönste Moment war wenn ich darüber sinniere, als unsere erste richtig scheue Pflegekatze Naomi zum ersten Mal ihr winziges Köpfchen an mir gerieben und dabei laut geschnurrt hat. Da geht einem echt das Herz auf! Mit Amaru war es ja ähnlich. Es sind rückblickend tatsächlich die Scheuen, manchmal verstörten Katzen die einem ans Herz wachsen. Man sieht eine so starke Entwicklung und kann dann so richtig stolz auf sich sein :)

Weniger schöne Geschichten erlebe ich im Tierschutz mit. Da fällt mir zum Beispiel eine Katze auf einer anderen PS ein, die die erste Zeit ihres Lebens in einem Kaninchenstall leben musste als Spielzeug von sadistischen Kindern. Das hört man und wird wütend; weiß aber gleichzeitig dass man es als PS in der Hand hat ein solches Tier zu retten und ihm ein schönes, angstfreies Leben voller Liebe zu ermöglichen.

Katze liegt im Arm


Gibt es noch etwas Wichtiges, das du meinen Lesern zum Abschluss mitteilen möchtest?
Nina: Ich kann jedem Tierfreund nur unbedingt dazu raten aktiv zu werden! Ob als Pflegestelle, als "Streunertante", Fahrer für Kastrationsaktionen… man findet immer Etwas in das man sich einbringen kann!

Tierschutzvereine wie unseren gibt es fast überall in Deutschland und jeder dieser Vereine freut sich über Unterstützung.
Gerade Leute die Dinge sagen wie "wie machst du das, ich könnte die Pflegis nie wieder hergeben" eignen sich meiner Meinung nach am besten als PS. Denn diese bringen tatsächlich das nötige "Herzblut" rein.

Ich kann es Jedem empfehlen, der ein großes Herz für Tiere hat!



Ich danke Nina herzlich für ihre Offenheit, ihre rührenden Worte und ihre Bereitschaft, uns alle Fragen zu beantworten. Ich hoffe, dass wir mit diesem Interview einen kleinen Einblick in das Leben einer Pflegestelle geben konnten. Und vor allem auch viele Dosis erreichen, die bisher Zweifel oder Bedenken hatten, selbst als Pflegestelle zu leben und die Vereine damit zu unterstützen.

2546 vor über einem Jahr

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  1. Interview mit einer Pflegestelle | Tierhilfe Schweinfurt – Katzenschutz in Unterfranken e.V. -

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bisher wurden 1 Kommentar zum Artikel geschrieben:

  1. Es ist immer wieder schön zu sehen, dass es noch Leute gibt die sich für dass Wohl der kleinen Katzen einsetzen. Wir haben selber streunende Katzen aufgenommen, weil wir ihren süßen Augen nicht widerstehen konnten.

    Mach weiter so!

    mfG FLO

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