Veröffentlicht: 15.September 2013 um 10:00 Uhr - vor 7 Monaten aktualisiert

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Sind Altkleidersammler wirklich Katzenfänger? – Teil 1/6

weißer Transporter

Ich denke, jeder kennt sie: die Gerüchte um Altkleidersammler, die Katzen fangen. Seit Jahrzehnten geistert diese Geschichte durch die Köpfe mancher Tierschützer und besorgter Katzenhalter. Dabei ist die Geschichte (fast) immer gleich: ein weißer Transporter mit meist ausländischem Kennzeichen verteilt Sammelkörbe und schon ist das Geschrei groß. Es werden Warnungen ausgesprochen, Katzen hastig eingesperrt, zu Observierungsaktionen oder gar Sachbeschädigung oder Diebstahl aufgerufen. Nicht selten erfüllen dabei manche Äußerungen den Straftatbestand der Verleumdung und bewegen sich damit auf rechtlich ganz dünnem Eis.

Doch was ist tatsächlich dran am "Mythos Altkleidersammler als Katzenfänger"? Dieser Bericht soll ein wenig Licht ins Dunkel bringen und Gerüchte und Vermutungen den harten Fakten entgegenstellen. Viele Menschen tätigen ihre Aussagen und Warnungen leichtfertig, ohne sich vorher genauer mit dem Thema auseinander zu setzen. Da dieses Gerücht sehr weit verbreitet ist und gern als Begründung für verschwundene Katzen herhalten muss, wird es scheinbar gutgläubig und unbedacht übernommen.

Dabei denkt niemand daran, welche Folgen solche Gruselgeschichten für Tier und Mensch – Katzenhalter wie Altkleidersammler gleichermaßen – haben kann. Dieser Bericht stützt sich auf monatelange Recherche, hartnäckiges Nachfragen und Nachbohren und ist keineswegs "mal eben aus dem Ärmel geschüttelt" wie so viele der "Katzenfängergeschichten".

Warum man hellhörig werden sollte, wenn man dieses Gerücht hört..

Tagtäglich verschwinden aus verschiedenen Gründen zahlreiche Katzen aus ihrem Zuhause und werden nie wieder gesehen. Die Halter dieser Katzen sind verzweifelt, hilflos und suchen nach Antworten. Wenden sie sich hilfesuchend an andere Katzenhalter, Tierschützer oder Tierheime, bekommen sie manchmal die bekannte Mär vom Altkleidersammler als Katzenfänger vorgesetzt. "Ist ja kein Wunder, dass deine Katze weg ist, es waren ja wieder Altkleidersammler unterwegs. Die Cousine einer Bekannten des Bruders meines Freundes hat gesehen…"

Richtig! Man kennt solche Leute immer um tausend Ecken, die angeblich etwas gesehen haben. Komischerweise können offizielle Stellen solche Vorfälle nicht bestätigen, obwohl es diese Gerüchte schon seit mehreren Jahrzehnten gibt. Und wenn man sich genau umhört, haben auch die Menschen, die sich so sicher waren, im Endeffekt auch nichts gesehen.

Da war vielleicht ein weißer Transporter, da vermisst vielleicht 3 Tage später jemand seine Katze, da standen vielleicht 3 Straßen weiter Sammelkörbe. Aber dass tatsächlich mal jemand mit eigenen Augen einen der bösen Altkleidersammler gesehen hat, wie er eine Katze eingepackt hat.. Hmm… Da ist man sich dann nicht mehr so sicher. Vermutungen und Verschwörungstheorien gibt es zu Genüge, aber keinen einzigen verlässlichen Augenzeugen, der wirklich jemals etwas gesehen hat, das eindeutig ist.

Die Firma darf eigentlich keine Sammlungen durchführen/ ist nicht angemeldet? Sind sie vielleicht Katzenfänger?

Diese Aussage wird oft als stärkendes Argument dafür angesehen, dass die Firma, die Altkleider sammelt, ja nur mit Katzenfängern unter einer Decke stecken kann. Wenn eine Sammlung nicht genehmigt ist, dann muss sie es ja auf Katzen und nicht auf Kleidung abgesehen haben. Komische Logik, ist dir das aufgefallen? Natürlich ist eine unangekündigte, ungenehmigte Sammlung sicher nicht ganz vertrauenerweckend, aber warum soll sie ausgerechnet mit Katzenfängern zu tun haben?

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass jemand keine Lust (oder kein Geld) hatte, die öden Behördengänge zu erledigen? Liegt es vielleicht daran, dass man etwas an offiziellen Stellen "vorbeiverdienen" möchte? Oder dass das eigene Gewerbe oder die eigenen Mitarbeiter vielleicht doch nicht ganz so offiziell angemeldet sind? Muss eine rechtlich nicht ganz einwandfreie Sammlung zwingend daraufhin deuten, dass Katzen eingefangen werden? Gibt es dafür nicht viel mehr andere – realistischere – Gründe?

Frei nach dem Motto "Wenn du Hufschläge hörst, dann denke an Pferde – nicht an Zebras!"

Lockstoffe

Oft gehört und doch trotzdem nicht existent: Lockstoffe, die die Katze in Fallen oder Sammelkörbe locken sollen. Es gibt tatsächlich Geruchsstoffe – sogenannte "Pheromone" – die nur Katzen riechen können und die im weitesten Sinne dafür sorgen, dass sich Katzen in einer bestimmten Gegend versammeln. Dies ist der Fall bei Geruchspheromonen aus den Duftdrüsen rolliger Katzen. Dieser Duft ist für Kater anziehend und natürlich versuchen sie so gut es geht, in die Nähe der Katze zu kommen. Damit lässt sich aber keineswegs bewerkstelligen, dass Katzen freiwillig in irgendwelche Behälter, Körbe oder Eimer laufen! Und schon gar nicht, dass sie bereitwillig darin sitzen bleiben, bis jemand den Deckel zumacht!

Solche Vorstellungen sind unrealistisch. Jede Katze – und sei sie noch so zahm – wird flüchten und wüten, wenn jemand Fremdes versucht, sie einzusperren. Und ganz besonders in so einem kleinen Behälter wie einem Sammeleimer. Jeder Katzenhalter weiß, wie flink, wendig und wehrhaft Katzen sein können. Warum sollten sie dies ausgerechnet im Falle von Katzenfängern nicht sein?

Jeder Mensch, der einmal versucht hat, eine Katze zu ihrem Wohl einzufangen, weiß, dass Katzen einfangen nichts ist, was auf Knopfdruck funktioniert. Es gibt oft riesen Geschrei, blutige Hände und Arme, dauert lange und ist mühselig. Frag einfach mal einen aktiven Tierschützer, der Streunerkatzen einfängt: er wird dir Geschichten erzählen können von monatelangen Annäherungen, nächtelangen, verregneten, verschneiten Einfangaktionen. Könnte man einfach so mir-nichts-dir-nichts Katzen mit Lockstoffen, Eimern und Klappen einfangen, müssen Tierschützer sich nicht den Hintern abfrieren, Unmengen an Freizeit opfern und müssten die Tiere nicht umständlich überlisten.

Oder versuche einfach mal deine eigene ängstliche Katze in den Transportkorb zu befördern, wenn sie das nicht will. Ist es realistisch, dass sie einfach sitzen bleibt? Ist es realistisch, dass sich ein Mensch diese "Aufgabe" freiwillig dutzendfach an einem Tag antut, nur um (wenn überhaupt) 20€ zu verdienen?

Werden Katzen an Tierversuchslabore verkauft?

Menschen, die das Gerücht der Altkleidersammler als Katzenfänger verbreiten, müssen letztendlich auch einen "Abschluss" der Geschichte parat haben. Dieser Abschluss ist oft ein weiteres Märchen: "eingefangene Katzen werden in Tierversuchslaboren gequält oder zu Pelzen verarbeitet!" Ehrlich? Nein, aber Keiner scheint sich die Mühe machen zu wollen, das zu hinterfragen.

Zum Prozedere für Versuchstiere in Laboren Folgendes: Im Labor wird etwas untersucht – ob Medikament, Kosmetika oder Pflegeprodukte. Diese Tests müssen genauestens nachprüfbar und vor allem reproduzierbar sein. Was im Schluß nichts anderes bedeutet, als dass Versuchstiere aus "Quellen" stammen müssen, welche immer wieder "gleichbleibende Qualität" liefern können. Meist werden diese Tiere extra im eigenen Institut gezüchtet oder aus gleichbleibenden Bezugsquellen beschafft.

Es gibt strenge Auflagen und Regelungen zu Tierversuchen. Auch, wenn man daran zweifelt, dass diese tatsächlich eingehalten werden, so sollte man mit Logik an dieses Thema herangehen. Wie soll ein Labor seinem Auftraggeber verlässliche Versuchsreihen präsentieren können, wenn die Tiere, an denen getestet wurde bunt zusammen gewürfelt sind? Wird ein Konzern ein Labor beauftragen oder bezahlen, welches nicht eindeutig nachweisen kann, ob die betroffenen Tiere durch die Anwendung ihres Produkts krank geworden/gestorben sind oder durch irgendwelche Krankheiten, die sie vorher hatten? Wenn man das nicht eindeutig auseinander halten kann, machen dann solche Versuche überhaupt Sinn? Geben Konzerne wirklich Geld dafür aus, dass sie mit Ergebnissen von Tests nichts anfangen können?

Katzen irgendwo mühsam einzeln einzusammeln ist verdammt teuer und bringt für Versuche rein gar nichts.

Werden aus Katzen Pelze hergestellt?

Auch dies ist ein möglicher "Abschluss" der Katzenfänger-Gerüchte: Katzen werden getötet und irgendwohin verkauft, wo aus ihnen Pelze gemacht werden. Ein gruseliger Gedanke! Doch auch hier sollte man mit Vernunft herangehen. Wieviele Katzen werden wohl für einen Pelzmantel gebraucht? Findet man auch so viele, die alle einheitlich passend gefärbt sind und die gleiche Fellqualität und -struktur haben? (Ja, ich weiß, sie werden eingefärbt, aber strubbeliges Fell bleibt strubbeliges Fell und Feines bleibt Feines!) Schließlich sehen eingefangene Katzen ja nicht alle gleich aus… Und man wird sicher unschöne Übergänge zwischen den einzelnen Fellen vermeiden wollen…

Fakt ist, dass seit dem Jahr 2008 der Handel mit Katzenfellen EU-weit verboten ist. Menschen, die jetzt denken: "Ja, verboten ist er, aber heimlich wird doch sicher noch etwas verkauft, oder? Manche Pelzkragen bestehen heimlich aus Katzenfell und nicht aus künstlichem Webpelz!" sollten sich hier fragen Macht das Sinn? Warum sollte der Hersteller von Jacken und Mänteln, die offiziell mit Webpelzen verziert sind, echte deutsche Katzenfelle verwenden, die weitaus teurer sind als künstlich hergestelltes Gewebe?

Es mag ja noch angehen, dass Felle verwendet werden, die nach dem Ableben der Katzen vom Tierarzt kommen oder aus jenen Ländern, in denen das Züchten und Töten von Katzen und Hunden zur Pelzgewinnung nach wie vor ein tägliches Geschäft ist. Aber dafür extra teure Körbe aufstellen, Tausende Euro Sprit verfahren und Fahrer anstellen, die gleichzeitig gewitzt genug sind, um Katzen einzufangen? Und das alles für so wenig Geld, dass man den Preis für einen (billigen) Webpelz unterbieten kann? Ich denke, das ist wenig realistisch.


Wie viele beweisbare Fälle gab es bisher?

Wie bereits oben erwähnt, habe ich vor Veröffentlichung dieses Berichts monatelang recherchiert. Zwar habe ich vorher schon mehr als Zweifel an diesen Gerüchten gehabt, aber mir war wichtig, den "wahren Kern" dieses Gerüchts zu finden und sei er noch so klein oder versteckt. Kurz: Ich habe ihn nicht gefunden!

Es gibt zwar zahlreiche Stellen und auch offizielle Institutionen, die diese Gerüchte laut polternd und möglichst medienwirksam verbreiten, aber wenn es um handfeste Beweise und nachprüfbare Fälle geht, habe ich vor allem Eines zu hören bekommen: Nichts!. Und damit meine ich wirklich nichts! Ich habe mehr als zwei Dutzend Tierheime, Tierschutzvereine, Webseitenbetreiber und private Menschen angeschrieben, auch die Polizei, TASSO e.V und den deutschen Tierschutzbund. Komischerweise waren (bis auf zwei wenige Ausnahmen) nur jene Stellen überhaupt bereit zu antworten, die diese Gerüchte nicht verbreiten oder sich öffentlich dagegen aussprechen.

Die Ausnahmen, die jene Gerüchte verbreiten und auf meine Bitte nach Beweisen und tatsächlichen Fällen geantwortet haben, waren ein privater Webseitenbetreiber und PETA. Der private Webseitenbetreiber verwies auf seine Webseite und die belegbaren Fälle dort und bot mir an, bei weiteren Fragen telefonischen Kontakt aufzunehmen. Das fand ich freundlich und hilfsbereit. Die belegten Fälle und Beweise suche ich allerdings auf seiner Webseite auch heute noch…

PETAs Antwort allerdings hat mich sprachlos gemacht: Auch, wenn auf der PETAs-Webseite behauptet wird:

Ähnliche Fälle sind der Organisation bereits aus anderen Regionen, nicht nur in Bayern bekannt; auch in Hessen und Nordrhein-Westfalen wurden Tierdiebe auf frischer Tat ertappt und teilweise verurteilt. Quelle

.. konnte oder wollte man diese angeblich bewiesenen und handfesten Fälle nicht mit mir teilen und mich dumm sterben lassen.

Zwischen der Veröffentlichung des PETA-Berichts, in dem auch um Hinweise gebeten wurde und meiner Mail sind mehr als zwei Jahre vergangen. Die Antwort von PETA auf meine Mail lautete sinngemäß "Das ist nicht unser Schwerpunkt, fragen Sie bitte wen Anderes". Dass mir damit nicht geholfen war, muss ich nicht extra erwähnen. Auf meine zweite Mail, mit der Aussage, wenn doch so öffentlich von den handfesten Fällen gesprochen wird und zwei Jahre nach Hinweisen gesucht wird, warum denn nicht sie selber Antwort geben könnten (schon allein weil derjenige, den sie mir empfohlen haben zu fragen, partout nicht antwortete), bekam ich, man ahnt es fast, keine Antwort.

Auch heute noch frage ich mich, ob sich PETA bei diesem Fall der Geheimhaltung verschrieben hat (was ja sonst ganz entgegen ihre Art wäre) oder ob es vielleicht 2 Jahre lang keine Hinweise gab und die "bekannten Fälle" vielleicht doch nicht ganz so nachvollziehbar und beweiskräftig waren. Darüber kann und sollte man spekulieren…

Die Antwort des deutschen Tierschutzbundes und von TASSO waren eindeutig: es gibt bisher (auch nach Jahrzehnten, die dieses Gerücht im Umlauf ist) keine Fakten und Beweise, die einen Zusammenhang zwischen Altkleidersammlungen und Katzenfängern beweisen! Die Antwort des deutschen Tierschutzbundes werde ich seperat veröffentlichen (siehe Teil 4 des Themas), da sie sehr lang und ausführlich ist.


Gibt es Tierdiebstahl?

Ein ganz anderer Grund, warum Katzen verschwinden als von Altkleidersammlern eingefangen zu werden ist der Tierdiebstahl. Dass Tierdiebstahl in Deutschland auch bei Katzen ein Thema ist, mag wirklich Niemand bestreiten. Solcher Tierdiebstahl wird aber in so gut wie allen Fällen von Privatpersonen und nicht systematisch durchgeführt. Das fängt beim Nachbarn an der meint, der Freigänger von nebenan wäre heimatlos und der ihn deswegen "aufnimmt", geht über zerstrittene Partner und Bekannte, welche in Streit über das "Sorgerecht" für Mieze und Bello streiten und reicht bis zum Mensch, der unbeaufsichtigte Tiere von der Straße oder aus dem Garten mitnimmt.

Ob das Tier nun von einem Katzensammler oder einer Privatperson gestohlen wurde, mag dem Halter und der Katze letztlich egal sein. Es ändert aber entscheidend etwas an den Gerüchten rund um den "Altkleidersammler als Katzenfänger". Wenn Tierhalter endlich anfangen, sich in der "richtigen Richtung" nach dem Grund für das Verschwinden ihrer Katze umzusehen, werden Hysterien endlich abebben und weniger Tiere verschwinden.

Welche Gründe es für das Verschwinden für Katzen wirklich gibt, warum solche Gerüchte immer wieder Nahrung bekommen, woher der Mythos vom Altkleidersammler als Katzenfänger kommt und wie man das Risiko minimieren kann, dass die eigene Katze spurlos verschwindet, wird in den nächsten Teilen dieses Themas behandelt.

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